Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Sofa. Beide verschränken ihre Arme.

Wenn Scheidung unmöglich zu sein scheint

Wenn sie sich in der Ehe nicht mehr wohl fühlen und an Scheidung denken, haben Verheiratete oftmals das Gefühl, dass die Rahmenbedingungen es unmöglich machen würden, sich scheiden zu lassen.

Sie fühlen sich in einer Pattstellung und das kann vielerlei Gründe haben. Etwa ein gemeinsames Haus, kleine Kinder oder einen Freundeskreis, den man nicht verlieren will.

Mag.a  Andrea Ertl hat vor allem mit Frauen zu tun, die sich in solchen Situationen ohnmächtig fühlen, weil der Aspekt der finanziellen Abhängigkeit häufig dazukäme: „Wir gehen in diesen Fällen gemeinsam alle Gründe durch, warum es so unmöglich scheint, sich scheiden zu lassen. Da gibt es oft einige Knackpunkte, an denen man dann arbeiten muss.“ Dabei gäbe es aber neben der Sachebene auch immer die psychischen Blockaden, die ganz wesentlich beteiligt sind. „Das Schwierigste ist häufig ein diffuses Gefühl der Angst, welches mit realen Ängsten verwechselt wird. Dies muss man in der Beratung auf den Grund gehen. Erst dann kann an Lösungen gearbeitet werden.“

Scheidungswillige würden dann schnell merken, dass sie eigentlich schon einen Weg wüssten. Ertl: „Oft werden Gründe auch einfach vorgeschoben, weil es doch ein großer Schritt ist und ein Lebenstraum aufgegeben wird.“ Das Gefühl des Versagens käme noch dazu: Ich habe es nicht geschafft, mein Eheversprechen zu halten.
Ein entscheidendes Thema seien oftmals die Kinder. „Viele Paare denken, dass es nicht der richtige Zeitpunkt für die Kinder sei. Weil etwa Schulbeginn ist oder ein Schulwechsel bevorsteht, oder sich die Kinder gerade in der Pubertät befinden. Man muss sich darüber im Klaren sein: Den richtigen Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht“, so die Expertin. Wichtig sei ehrlich zu sein, mit den Kindern über Gefühle zu sprechen und sie ins Boot zu holen. „Wegen der Kinder zusammenzubleiben war noch nie eine gute Idee. Dann projiziert sich das Unglück auf sie“, meint Ertl.

Grundsätzlich sei auch noch zu sagen, dass man niemals aus Angst den Zeitpunkt übersehen darf, wo die Trennung für das eigene Lebensglück tatsächlich notwendig wird. Ertl: „Schlimmstenfalls drohen Depressionen, Aggressionen oder Gewalt.“

Wer sich zu dem Thema mit Expert:innen austauschen möchte, kann sich in einer österreichischen Familienberatungsstelle einen kostenfreien Termin ausmachen.

Unsere Interviewpartnerin

Mag.a phil. Andrea Ertl ist Familienberaterin der Familien-, Rechts-, und Schwangerenberatungsstelle der St. Elisabeth- Stiftung der Erzdiözese Wien. Als Klinische- und Gesundheitspsychologin bringt sie besondere Expertise bei vermeintlichen Konflitksituationen in der Scheidungsberatung ein.

Familien-, Rechts- und Schwangerenberatungsstelle der St. Elisabth-Stiftung der ED Wien
Arbeitergasse 28/2, 1. Stock
1050 Wien
elisabethstiftung.at/beratung/

Das Interview wurde im Dezember 2021 geführt. 

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