Hetero, Homo, Bi oder Pansexuell? Wenn die sexuelle Orientierung zum Thema wird
Denn im Gegensatz zu früheren Zeiten geben Staat und Gesellschaft nur mehr in ganz wenigen begründeten Fällen vor, welche Form von sexuellem Begehren „richtig“ oder „falsch“, verboten oder erlaubt ist. Jeder Mensch ist nun aufgefordert, seinen eigenen Weg zu finden. Das schafft Freiräume, kann aber auch Fragen, Ängste oder Konflikte herrufen.
Wolfgang Obendrauf ist seit vielen Jahren als Männerberater und Sexualberater in Graz tätig. Er wird immer wieder von Menschen aufgesucht, die auf der Suche, oft auch verwirrt und verunsichert, sind, wenn der sichere Hafen der Zugehörigkeit zur heterosexuellen Mehrheit in Frage gestellt werden muss.
„Wir neigen dazu, Menschen in Schubladen einzuordnen, in Heteros oder homosexuell Empfindende“, berichtet er aus seiner Praxis. Doch in der Lebensrealität vieler Menschen gibt es diese klare Grenzen nicht. „Viele Menschen sind irgendwo dazwischen, je nach Lebensphase kann sich auch das Begehren erweitern.“
So gibt es neben Menschen, die sich als bisexuell erleben, auch solche, die von Pansexualität sprechen. Sie fühlen sich zu Menschen hingezogen, unabhängig vom Geschlecht der Person.
Wolfgang Obendrauf spricht von einem fortwährenden Prozess der Selbstentdeckung, ausgelöst durch Begegnungen mit anderen Menschen und der emotionalen Reaktion, die diese Begegnungen auslösen können.
Trotz spürbar mehr Toleranz und Sichtbarkeit in Medien und Öffentlichkeit ist es für viele Menschen nach wie vor ein herausfordernder Schritt, sich selbst zu akzeptieren, wenn sexuelle und romantische Gefühle für das gleiche Geschlecht spürbar werden. Denn viele Menschen haben negative Bilder oder Vorurteile, die nach wie vor existieren und durch Erziehung und Medien verinnerlicht wurden. Diese müssen erst überwunden werden, soll ein Coming-Out und befriedigende Beziehungen möglich werden.
In manchen großstädtischen Milieus stellt ein Coming-Out oft kein Problem dar. Homosexuell empfindende Menschen können dort Normalität erleben. Andere müssen sich mit massiven Ängsten herumplagen. In manchen ländlichen Milieus, aber auch in Familien mit traditionellen Werten, stellt ein Abweichen von der heterosexuellen Norm ein Risiko dar. Immer wieder werden Abwertung, Ausgrenzung, Mobbing und andere Formen der Gewalt Thema in Beratungen.
„Die Angst, nicht akzeptiert zu werden, hält viele davon ab, ihre wahre Sexualität zu leben. Für einige könnte das sogar lebensbedrohlich werden“, so der Berater. Die Selbstmordgefährdung junger homosexueller Männer ist deutlich erhöht. Doch erst ein Ja zur eigenen sexuellen Orientierung schafft die Basis für ein befriedigendes Sex- und Beziehungsleben.
Die Möglichkeiten, wie Menschen in Beziehung zusammenleben können, sind sehr vielfältig. Wolfgang Obendrauf hebt hervor, dass es für jeden Menschen befriedigende Lösungen gibt.
Obendrauf ermutigt dazu, neugierig zu sein und den eigenen Gefühlen Raum zu geben. „Es geht erst mal darum, bewusst wahrzunehmen, was man fühlt“, sagt er. Abwertende Vorurteile, die man selbst empfindet, müssen überwunden werden. Hilfreich sind Gespräche mit einer Vertrauensperson. „Austausch kann helfen, Klarheit und Selbstbewusstsein zu gewinnen“, berichtet der Sexualberater.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Verständnis der eigenen sexuellen Orientierung ein individueller Prozess ist, der Zeit und Selbstakzeptanz erfordert. „Es gibt kein Richtig oder Falsch in der Liebe und Anziehung. Wichtig ist, dass man sich selbst treu bleibt und bereit ist, auf die eigenen Gefühle zu hören“, fasst Obendrauf zusammen.
Bei Fragen oder Konflikten bieten in allen Regionen Österreichs Familienberatungsstellen Infos und Beratung an. Anonym und kostenlos.
Unser Interviewpartner
Wolfgang Obendrauf ist diplomierter Systemischer Lebens-, Sozial-, Ehe- und Familienberater. Er ist auch zertifizierter Sexualberater und arbeitet in der Männerberatung Graz, sowie bei der Partner*innen-, Familien- und Sexualberatungsstelle COURAGE* in Graz.
Männerberatung Graz
Dietrichsteinplatz 15, 1. Stock
8010 Graz
Webseite der Männerberatung Graz
Das Interview wurde im September 2025 geführt.