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Junge Frau im Vordergrund schaut traurig zu Boden, während sich im Hintergrund ein verliebtes Pärchen in den Armen hält.

Wenn der Ex-Partner eine neue Beziehung eingeht...

Eine Trennung stellt für die Betroffenen ein kritisches Lebensereignis dar, welches mit einer Vielzahl an Gefühlen einhergeht. Den dabei ausgelösten Trauerprozess zu bewältigen, ist die Aufgabe. Meist trifft einer der Partner zuerst die schlussendliche Entscheidung, die Partnerschaft zu beenden, und beide Betroffene befinden sich häufig an unterschiedlichen Stellen des Trauerprozesses.

Damit eine neue Partnerschaft Möglichkeit zur Entwicklung hat, ist es wichtig, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, authentisch zu sein und sich darüber mit dem Partner auszutauschen. Auch wenn die Ex/der Ex auf Grund der Geschichte noch verletzt ist, darf jeder sein „Verliebtsein“ genießen.

Sandra Walz von der Familienberatung des Instituts für Sozialdienste (ifs) in Bludenz hinterfragt die Notwendigkeit des Kennenlernens der Ex/des Ex. „Wenn ein Zusammentreffen zwischen neuer Partnerin/neuem Partner und der Expartnerin/dem Expartner angedacht wird, gilt es nach dem 'wozu' zu fragen. Was soll damit erreicht werden? Was ist der Sinn dahinter?“Oftmals stehen hinter solchen Absichten sehr romantische und idealisierte Vorstellungen von Liebe und Freundschaft sowie ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Harmonie - um jeden Preis. Jedoch können Zusammentreffen mit der neuen Partnerin des Ex/dem neuen Partner der Ex bereits versorgte intrapsychische Verletzungen (wieder) aktivieren. Es ist nicht notwendig, sich immer wieder in Situationen zu begeben, die neuerliche Kränkungen bedeuten und überfordern können. „Wir müssen nicht cooler sein, als wir sind!“ Jedoch steht prinzipiell einem Kennenlernen, sofern dies allen Beteiligten als sinnvoll und wertvoll erscheint, nichts im Wege.

Anders stellt es sich dar, wenn Kinder involviert sind. „Wenn eine Partnerschaft mit jemandem, der Kinder hat, eingegangen wird, ist es klar, dass man/frau keinen 'Frischling' bekommt.“ Die Kinder brauchen ihre Eltern, ob diese nun getrennt sind, neue Partnerschaften haben oder unter einem gemeinsamen Dach leben. Die Befriedigung der Bedürfnisse der Kinder nach liebevollen und beständigen Beziehungen, nach Sicherheit, Unversehrtheit und Regulation, nach Grenzen und Strukturen, sowie nach individuellen und entwicklungsgerechten Erfahrungen sind für deren Wohlbefinden unabdingbar.

Oftmals setzen sich alle Beteiligten in einer solchen Situation zu sehr unter Druck. Hier ist Achtsamkeit und Feingefühl empfehlenswert. Einen respektvollen Umgang miteinander zu leben ist notwendig, mehr darf es sein. Für die Beziehungsgestaltung tragen in erster Linie die beteiligten Erwachsenen die Verantwortung. Die Kinder sollen erleben, dass der Papa/die Mama trotz neuer Liebe weiterhin Zeit und Interesse an ihnen haben. Die Kinder des Partners/der Partnerin sollen einen gern haben dürfen, müssen es aber nicht. Die Kinder sollen die neue des Papas/den neuen der Mama gern haben dürfen und dies auch der Mutter/dem Vater mitteilen können. Kinder spüren atmosphärisch, ob sie mit ihrer Zuneigung zu jemandem einen Elternteil kränken oder nicht und geraten, im ersten Fall, sehr schnell in Loyalitätskonflikte. Auch hinter negativen Äußerungen des Kindes gegenüber der neuen Partnerin/dem neuen Partner kann die Angst stehen, einen Elternteil ansonsten zu verletzten und zu verlieren. Es ist wichtig hinter das Verhalten des Kindes zu blicken, die eigenen Grenzen zu wahren und auf eine „anständige“ Begegnung zu bestehen. Keinesfalls sollten die Erwachsenen auf diese gezeigte emotionale Not des Kindes mit Sanktionen, Gegenvorwürfen, etc. reagieren. Hinter jeder Äußerung und Handlung des Kindes steckt auch ein Beziehungsangebot. Die neue Partnerin/der neue Partner kann im besten Fall eine weitere erwachsene, vertrauensvolle Bezugsperson für das Kind werden. Beziehungen, die das Kind unbelastet erleben und leben darf, fördern dessen Wohlbefinden und Entwicklung.

Ein gegenseitiges Kennenlernen unter den Erwachsenen kann hier wohl sehr sinnvoll sein, um das gegenseitige Vertrauen zu fördern und zu stärken. Auch hier gilt die Devise der respektvollen Begegnung und auch des gegenseitigen Mögen Könnens, aber nicht Müssens.

Merkt man/frau, dass es den Kindern nicht gut geht, weil man/frau als Elternteil mit neuer Partnerin/mit neuem Partner zwischen zwei Stühlen steht, als anderer Elternteil Eifersucht gegenüber der neuen Partnerin/dem neuen Partner hegt oder als neue Partnerin/neuer Partner mit der Situation nicht zurecht kommt, und auch Gespräche mit den Beteiligten bzw. mit Vertrauenspersonen keine Klärung bringen, können Experten Unterstützung bieten. Patchwork-Konstellationen stellen alle Beteiligten vor eine große Herausforderung und benötigen viele Bewältigungs- und Anpassungsleistungen. Die eigenen Bedürfnisse und die des Kindes sind nicht immer dieselben und müssen auch in ihrer Unterschiedlichkeit von den Erwachsenen erkannt werden.