Ehepaar in Beratungssituation

Warum nehmen Männer viel seltener Familienberatung in Anspruch?

Statistisch gesehen sind in Beratungsstellen rund doppelt so oft Frauen als Männer anzutreffen. Laut René Vodouschek, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe in der psychosozialen Beratungsstelle Hartberg, hat das mit dem traditionellen Rollenbild zu tun: „Das männliche Stereotyp, das im Mann ganz tief verankert ist, nimmt Hilfe nur im Notfall in Anspruch: Der Mann muss stark sein. Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Schwäche und somit schambesetzt.“ Erfreulich ist, dass in der Generation der 30- bis 40-jährigen Männer bereits Bewusstsein geschaffen worden sei – zuletzt auch durch die sozialen Medien, die unter anderem Selbstreflexion thematisieren. Dennoch kämen Männer meist erst in eine Beratungsstelle, wenn der Leidensdruck schon sehr hoch ist. „Wichtig ist ihnen vor allem auch der geschützte Rahmen und Anonymität, um sich zu öffnen“, so der Experte.

Aber auch im Beratungsgespräch sind Geschlechterunterschiede feststellbar: Männern hilft faktisches Wissen und Aufbereitung. Zeigt man ihnen beispielsweise Statistiken über Depressionen, so können sie diese leichter akzeptieren. Vodouschek: „Frauen können auch sehr viel besser ihre Emotionen spüren und wahrnehmen – der emotionale Zugang fällt ihnen wesentlich leichter.“ Schon die Erziehung erschwere es den Männern, Gefühle zu reflektieren und sich darüber mitteilen zu können. Dies sei für viele ein langer Lernprozess. „Leichter ist es, wenn es ein isoliertes Problem gibt, über das man sprechen kann – wie etwa Fremdgehen in der Partnerschaft.“ Ein Appell daher an alle Eltern: Kinder sollten weniger nach Geschlechterstereotypen erzogen werden – auch Buben dürfen weinen und können lernen, ihre Gefühle zu zeigen. Außerdem sollten Eltern darauf achten, ihren Kindern möglichst wenig geschlechtsspezifische Rollenbilder vorzuleben: so kann auch der Papa kochen und die Mama den Rasen mähen…

Wer den Austausch zu diesem Thema sucht, ist jederzeit zu einem grundsätzlich kostenfreien Beratungsgespräch in einer der zahlreichen österreichischen Familienberatungsstellen willkommen. Vodouschek rät auch Frauen, die ihren Männern den Weg in eine Beratungsstelle gerne erleichtern würden, ein Gespräch mit den Expert/innen in den Familienberatungsstellen.