Sehr traurige junge Frau im Bademantel. Sie stützt den Kopf in die Hand.

Trennungsprozess – wie lange darf er dauern?

Schock und Nicht-Wahrhaben-Wollen, aufbrechende Emotionen, Akzeptanz und Neuorientierung und neuer Lebensentwurf – dies sind die Phasen, die einen Trennungsprozess in der Theorie beschreiben. In der Praxis sieht die Sache anders aus. Einzelne Phasen können ineinander übergehen, gleichzeitig stattfinden oder ausbleiben. „Da jeder eine Trennung individuell erlebt, stehen diese Kategorien in der Praxis nicht im Vordergrund“, so Renate Ertler, Lebens- und Sozialberaterin beim Verein Jugend und Familie in Wien.

„Wie lange jemand braucht um sich zu trennen, lässt sich nicht mit einer ’Faustformel’ berechnen. Im Schnitt sind es sechs bis neun Monate. Diese Zeit verläuft aber nicht kontinuierlich sondern schwankt zwischen gelassenen und emotionalen Phasen. Ihre Dauer steht u.a. in Relation zur Beziehungsdauer: Wenn gemeinsam viel aufgebaut wurde und starke Bindungen und Abhängigkeiten bestehen, führt das zu einer längeren Phase des Trennens. Neben der Dauer spielt die persönliche Bedeutung der Beziehung eine wesentliche Rolle. So kann eine Beziehung von kurzer Dauer sehr intensiv erlebt werden, was zu einem längeren Trennungsprozess führen kann“, erklärt die Expertin.

Hinzu kommt, wie die Trennung erlebt und vollzogen wurde, ob man sie selbst initiiert hat, oder ob man „abserviert“ wurde. Trennungen finden nur selten im Gleichklang statt. Zumeist gehen sie von einem Partner aus. In der Beratung ist es möglich, Konflikte weniger emotional und verletzend auszutragen, sodass die Beziehung versöhnlich enden kann. 

Besondere Bedeutung kommt den Vereinbarungen um gemeinsame Kinder zu, die sehr oft in der Beratung mit einer „neutralen“ Person leichter ausgehandelt werden können: „In der Beratung wird nach Lösungen und Wegen gesucht, wie es für alle Beteiligten nach einer Trennung weitergehen kann. Die aufgezeigten Möglichkeiten erleichtern den Prozess und schaffen Platz für neue Wege. Kommt das Paar überein, dass eine Auflösung der Beziehung gewünscht wird, kann die Beratung unterstützen, die Verletzungen in Grenzen zu halten“, weiß Renate Ertler aus der Praxis.

„Professionelle Hilfe nach einer Trennung ist auch für zukünftige Beziehungen von Vorteil“, sagt die Beraterin abschließend. „Es ist wichtig, den eigenen Anteil an einer Trennung zu erkennen und sich damit auseinander zu setzen. Auf diesem Weg kann bewusst in negative Beziehungsmuster eingegriffen werden und Wiederholungen werden vermieden.“