Vater und Mutter ziehen an Armen von Sohn

Trennung/Scheidung Langzeitauswirkungen auf Sohn und Tochter

Wenn die Trennung/Scheidung feststeht und die Erwachsenen versuchen, so gut es geht die neuen Lebensumstände zu meistern, fühlen sich Kinder oftmals von der ungewohnten Situation überwältigt. Von den Veränderungen die auf sie zukommen, ihrer Bedeutung und den Auswirkungen auf die Kinder spricht Mag. Christine Trausner, Psychologin und Notfall-Psychologin, Landesleitung von Rainbows Steiermark.

Die Trennung der Eltern zieht eine gewaltige Veränderung der Lebensumstände für ihre Kinder nach sich. Auf einen Schlag verlieren sie die vertraute Struktur, sie fühlen sich in ihrer Sicherheit bedroht. Die Kinder haben nun zwei Zuhause, zwischen denen sie hin- und herpendeln müssen. Eines bei der Mutter, wo sie ihre Regeln befolgen müssen und eines bei dem Vater, wo seine Regeln und Strukturen gelten. Eine große Herausforderung für das Kind ist es, sich von einer Welt auf die andere innerhalb von kürzester Zeit umzustellen. Oft reagieren Kinder auf das Pendeln zwischen diesen Welten gereizt und übersensibel.

Im Idealfall kann das Kind den Alltag mit beiden Elternteilen teilen. Die Eltern sollten es spüren lassen: wir haben dich lieb, wir sind für dich da. Darüber hinaus ist es empfehlenswert, dass die Eltern miteinander über das Kind reden. Denn nicht selten haben Scheidungskinder das Gefühl, Pakete zu sein, die, ohne ein Wort zu sagen, abgegeben werden.

Allerdings gibt es nicht nur Idealfälle. Mit der Trennung ändern sich oft auch die Wohnumstände der Erwachsenen. Wenn ein Elternteil mit dem Kind in eine andere Stadt oder gar in ein anderes Land zieht, verliert das Kind nicht nur das vertraute Familienumfeld, sondern auch das breitere soziale Umfeld. Das bedeutet, die Trauer nimmt noch größere Ausmaße an. Das Kind trauert nämlich nicht nur um die geliebte Person, den Elternteil, den es nicht mehr täglich sieht, sondern auch um das vertraute Leben, das es aufgeben musste für das neue und unvertraute Fremde. In jedem Fall bedeutet die Trennung für das Kind ein Abschiednehmen von vertrauten Strukturen. Nicht alle Kinder können damit gleichermaßen problemlos umgehen. Schwierigkeiten in der Schule und Leistungsabfall durch Konzentrationsstörungen sind die häufig zu beobachtenden Konsequenzen der Veränderungen im Kinderleben. Auch physiologische oder psychosomatische Reaktionen werden oftmals bei Scheidungskindern beobachtet. In der Regel verbirgt sich hinter einer Krankheit der Kinder ein einfacher Wunsch: beide Eltern gleichzeitig am Krankenbett zu sehen. Dieser Wunsch begleitet das Kind oft noch lange. Auch Jahre nach der Scheidung gefragte Kinder beantworten die Frage nach ihrem Geburtstagswunsch nicht selten mit den Worten: „dass Mama und Papa wieder zusammen sind“.

Verhaltensänderungen sind ein weiterer Aspekt der typisch für Kinder von geschiedenen Eltern ist.

Aus extrovertierten werden introvertierte Kinder oder umgekehrt. Aus Angst neue Konflikte auszulösen, ziehen sich Kinder häufig zurück. „Wenn ich zeige, wie schlecht es mir geht, wird Mama wieder weinen.“ Um also zu vermeiden, dass weitere Probleme aufgeworfen werden, neigen Kinder zu Überanpassung. Je mehr sich solch eine Haltung bewährt, desto schwieriger ist es für die Kinder zu lernen, ihre Gefühle offen zu zeigen. 

Obwohl sich diese Verhaltensmuster bei Scheidungskindern wiederholen, können sie nicht immer ausschließlich auf  die Tatsache der Trennung zurückgeführt werden. Genauso wenig wie man den Grund einer Kinderdepression von dem zu geringen Kontakt zu einem Elternteil ableiten kann. Kinder haben auch andere Ressourcen in ihrem Leben, die sie mit beeinflussen: Freunde, Großeltern, Bekannte. Wenn auf dieser Ebene stabile Beziehungen vorhanden sind, kann das Kind mit seiner unbeständigen häuslichen Situation besser umgehen. Diese Veränderungen und die ständige Umstellung von einem Haushalt auf den anderen müssen nicht immer Negatives nach sich ziehen. Die Flexibilität und Toleranz, die dadurch gewonnen wird, kann durchaus von Vorteil im späteren Leben und für spätere Beziehungen sein. Die Wahrscheinlichkeit, zu übernehmen, was man von zu Hause kennt, also sich später auch scheiden zu lassen, bleibt zwar erhöht, man kann aber die Schuld an den zerbrochenen Beziehungen der Scheidungskinder nicht nur ihrer Familiensituation zuweisen.