Frau auf Stiege Kopf in Händen

Tägliche Angst

Gewalt muss sich nicht immer physisch ausdrücken. Auch ohne körperliche Übergriffe kann in Beziehungen psychisch Gewalt ausgeübt werden. Betroffen sind meist Frauen.

„Ungefähr in jeder 5. Beratung ist Gewalt ein Thema. Oft wird jedoch übersehen, dass Gewalt nicht nur physisch sondern auch psychisch ausgeübt wird.“, erzählt Mag.a Bettina Schabl von der Frauenberatungsstelle Oberwart. Psychische Gewalt bedeutet, dass ein Partner den anderen stark einschränkt oder extreme Kontrolle ausübt. Dabei wird zB Rechtfertigung für Verhalten erzwungen oder es werden Verbote ausgesprochen. Auch Beschimpfungen oder Beleidigungen zählen dazu. Gerade diese Form der Gewalt wird meist nicht als solche wahrgenommen. 

Zu Beginn einer Partnerschaft scheint meist alles in Ordnung zu sein, erst wenn Alltag einkehrt und Partner gemeinsam wohnen, treten diese Verhaltensweisen ans Tageslicht. Oft beginnt es mit psychischer Gewalt wie Kontrollverhalten. Recht schnell kommt es schließlich auch zu körperlichen Übergriffen. Schabl: „In vielen Fällen tritt körperliche Gewalt auch nur anlassbezogen, z.B. unter Alkoholeinfluss auf.“

Frauen, die zum ersten Mal mit Gewalt konfrontiert sind, ziehen die Schuld meist auf sich und rechtfertigen sie durch ihr eigenes Verhalten. „Manche Frauen kommen auch mit anderen Themen zu uns und wollen z.B. über die bevorstehende Scheidung sprechen. Erst im Zuge der Beratung stellt sich heraus, dass sie aber schon über Jahre hinweg mit Gewalt konfrontiert waren. Gerade psychische Gewalt wird oft als Normalität angesehen.“, bedauert Schabl.

Im akuten Fall ist es besonders wichtig nicht alleine zu sein. Im ersten Moment hilft Zuflucht bei Freunden oder Vewandten. Zahlreiche Hilfsangebote wie der Frauennotruf oder Beratungsstellen bieten in weiterer Folge Unterstützung und liefern wertvolle Infos, damit die Frau herausfindet, was für sie im Moment das richtige ist. Gerichtliche Verfügungen wie Wegweisungen sind ein gutes Instrument, um das Sicherheitsgefühl der Frau zu stärken. „In den allermeisten Fällen werden diese Weisungen von den Tätern akzeptiert. Denn was Frauen oft falsch interpretieren: Nicht sie müssen die Wohnung verlassen, sondern der Täter.“, so Schabl. 

Gibt es gemeinsame Kinder, so wird die Situation noch heikler, erklärt Schabl: „Sobald wir von Vorfällen hören, bei denen das Wohl des Kindes gefährdet ist, sind wir verpflichtet dies der Jugendwohlfahrt zu melden.“ Jedoch nicht immer sind Frauen damit einverstanden.

Nicht viele Männer sind bereit, freiwillig in Therapie zu gehen. Meist sehen sie den Fehler nicht bei sich, sondern begründen ihre Gewalt auf dem Verhalten der Partnerin. Therapien werden bei strafrechlichen Verfolgungen meist von dem Gericht vorgeschrieben.

Kommt es zur Scheidung, so kann dabei unter anderem geklärt werden, wer z.B. im Haus oder in der Wohnung bleibt und auch über Besuchsrechte wird diskutiert. Schabel: „In Bezug darauf gibt es meist, um das Wohl des Kindes zu gewährleisten, ein so genanntes Besuchscafé. Dabei darf der Vater nur unter Aufsicht Dritter mit dem Kind in Kontakt treten.“ In vielen Fällen löst sich so die Situation endgültig mit der Scheidung. Jedoch auch später können Wegweisungen oder andere gerichtliche Verfügungen erneut bewirkt werden.

Klar wird dadurch, wie wichtig die umfassende Information der Betroffenen ist. Dabei spielt die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen Beratungsstellen eine besonders bedeutsame Rolle. Vor allem auch deshalb, weil verschiedene Fälle unterschiedliche Konzepte verlangen.

Mag. Bettina Schabl ist Juristin und dipl. Lebens- und Sozialberaterin. In der Frauenberatungsstelle Oberwart umfassen ihre Aufgabenbereiche Rechtsberatung mit Schwerpunkt Familienrecht, die psychosoziale Prozessbegleitung sowie die Mitarbeit in der Plattform gegen Gewalt in der Familie.