Gewitter, Sonne scheint durch

Streitkultur

Streiten will gelernt sein. Einige Grundregeln und Empfehlungen verrät Dr. Belinda Mikosz, klinische-, Gesundheitspsychologin und Psychotherapeutin in der Ehe- und Familien Beratung der Stadt Wien.

Wer über einen längeren Zeitraum mit seinem Partner/ seiner Partnerin streitet, kommt in einen negativen Kreislauf. Die Kommunikation verläuft in eingefahrenen Bahnen und plötzlich wird keine Veränderungsmöglichkeit mehr gesehen. Alles, was der Partner oder die Partnerin macht, wird subjektiv als Angriff oder negativ erlebt. Emotionen kommen hoch und es gelingt immer weniger, sachlich zu bleiben. Auf Angriff folgt Gegenangriff und Vorwürfe, wie: „Du machst es immer“..., „Andere sagen das auch über Dich“. Antworten wie: „Du bist das Letzte...“ sind die Folge. Das gilt besonders dann, wenn auch noch „Dritte“ in den Streit einbezogen werden. Beschämung führt zu seelischen Verletzungen, die das Verzeihen erschweren.

Das Aufstauen von Konflikten ist ebenfalls ungesund. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist ein gutes Beispiel für Frustrationsstau. Meist ist die späte Reaktion überzogen, gleicht einer Explosion und erfolgt für andere völlig unerwartet. Statt Einsicht erntet man Kopfschütteln, was unter Umständen gleich wieder neuen Ärger hervorruft.

Ebenso tragen NörglerInnen wenig zu einem konstruktiven Klima bei. Bei der geringsten Kleinigkeit gleich mit Vorwurf zu regieren, ist nicht zu empfehlen.

Beratung kann helfen. Das Gespräch mit einer außenstehenden Person führt häufig zur Musterunterbrechung – plötzlich ist es mit der entsprechenden Unterstützung möglich, auch Positives in den Aussagen des Partners, der Partnerin zu erkennen. „Aha-Effekte“ stellen sich ein – „vielleicht liegt ihr/ihm doch noch etwas am mir“.

„Zuhören“ ist der Schlüssel zum Erfolg! Bei Unklarheit sollte nachgefragt werden. Nur so ist zu überprüfen, ob etwas missverstanden wurde. Paare, die miteinander reden, sind meist konfliktfähiger als andere. Je früher Probleme angesprochen werden, desto schneller können sie auch wieder aus der Welt geschafft werden.

Streit ist eine Form des Dialogs und sollte fair ablaufen. Bringen Sie Ihren Ärger auf den Punkt. Formulieren Sie kurz und präzise und lassen Sie Ihr Visasvis auch zu Wort kommen. Rücksichtnahme auf beiden Seiten kann oftmals Wunder bewirken.

Kinder orientieren sich an dem Konfliktverhalten ihrer Bezugspersonen. Wenn Eltern Probleme vor den Kindern in einer angstfreien Atmosphäre austragen und so zu neuen Vereinbarungen kommen, lernen Kinder, dass Streit nichts Bedrohliches ist. Streit ist eine ernsthafte Auseinandersetzung  mit der Möglichkeit eines positiven Ausgangs. Kinder sollten keine Angst vor Konflikten haben. Ganz im Gegenteil, Streiten kann befreiend wirken, und die Beziehungsatmosphäre reinigen – ähnlich dem Gewitter auf das auch wieder der Sonnenschein folgt.