Gelangweiltes Paar

Sind wir nur noch aus Gewohnheit zusammen?

„Beziehungen durchlaufen verschiedenen Phasen – von der Verliebtheit bis zur Alltagsphase. Aber: Ist schon alles eingeschlafen oder gibt es noch gemeinsame Möglichkeiten?“ Dr. Karin Urban, Psychologin und Geschäftsführerin des Zentrums für Ehe- und Familienfragen, www.zentrum-beratung.at, weiß, dass so gut wie jede Beziehung irgendwann an einen Punkt kommt, wo das große Prickeln vorbei ist und sich die Frage stellt, welches Entwicklungspotential man noch miteinander hat. Es sei aber auch immer eine Frage der Motivation: „Es gibt Menschen, die können mit diesem Zustand in der Beziehung gut leben, genießen das gegenseitige Vertrauen und sehen sich als eingespieltes Team.“ Will nur einer etwas ändern, so kann das schwierig werden und vom anderen als egoistischer Akt boykottiert werden. „Es ist möglich, dass ein Partner alleine die Situation belebt – das muss allerdings vorsichtig und im Gleichgewicht geschehen. Denn Änderungen machen immer Angst. Und diese kann entstehen, wenn ein Partner plötzlich seine Verhaltensweise ändert, auch wenn es nur gut gemeint ist“, so Urban. Wenn beide Partner aus ihrem zwar wohltuenden Zustand der Sicherheit ausbrechen und wieder Neues erleben wollen, so kann das in Einklang und gegenseitigem Verständnis ein beidseitig befruchtender Prozess sein. „Ich muss lernen zuzulassen, dass der andere möglicherweise für seine Weiterentwicklung in der Beziehung auch Dinge benötigt, die ich nicht brauche“, so die Expertin. 

Der wichtigste Schritt sei jedoch vorerst, zusammen herauszufiltern, auf welche Art man gemeinsame Qualitätszeit verbringen kann. „Oft reicht ein Kinobesuch zu zweit, essen gehen, Sprachen lernen oder auch ein Tanzkurs, um einander wieder näher zu kommen und Interessen zu teilen.“ Es könne aber auch helfen, dass jeder Partner für sich eine Aktivität setzt, die ihm gut tut. Oft gäbe es alleine deshalb schon keine Gesprächsthemen mehr, weil niemand etwas unabhängig vom Partner macht und man in einer Art Symbiose lebt. 

Letztendlich ist auch Sexualität ein Faktor für harmonisches Zusammenleben. Hier braucht es ebenfalls eine Gesprächsbasis und gemeinsames Vorgehen um möglicherweise Versiegtem wieder neuen Auftrieb zu geben. „Auf diesem Gebiet ist man besonders verletzlich und bei sexuellen Themen fehlt oft die Sprache.“

Nach der Zeit der Verliebtheit und der Etablierung des Zusammenlebens sowie der Entscheidung, in welcher Lebensform man leben will, kann eine Vertiefung der Beziehung und ein Zu-sich-selber-Finden im Mittelpunkt dieser Lebensphase stehen.

Viele Bilder sind in unseren Köpfen, wie Beziehungen auszusehen haben – oft irreal und verzerrt. Umso wichtiger sei es, dass das Paar gut miteinander darüber reden kann, was für beide richtig ist, mit Respekt, Ehrlichkeit und Verantwortung dem anderen gegenüber. Als Hilfestellung bietet sich eine Beratung in einer der zahlreichen Familienberatungsstellen in Österreich an.