Trauriges Mädchen schaut aus Fenster

Sexuelle Gewalt gegen Kinder

Sexuelle Gewalt entsteht selten von einem Tag auf den anderen. „Der Prozess hin zu einer missbräuchlichen Beziehung dauert über einen längeren Zeitraum an, Grenzüberschreitungen durch Worte und Handlungen intensivieren sich schleichend und es endet schließlich mit Übergriffen und sexueller Gewaltanwendung, die immer auch psychische Gewalt bedeuten.“, erklärt Mag. Hedwig Wölfl, klinische Psychologin und fachliche Leiterin der MÖWE Kinderschutzzentren. Machtverhältnisse spielen hier eine starke Rolle – Ungleichheiten werden stark ausgenutzt.

Die Geheimhaltung der Geschehnisse ist sehr bedeutsam. Kinder oder Jugendliche werden aus diesem Grund von dem meist männlichen Täter extrem unter Druck gesetzt. Es wird Angst erzeugt – mit Schuldzuweisungen z.B. dass ein Darüber-Sprechen die Zerrüttung der Familie bedeute oder vermeintliche ,Kleinigkeiten’, wie das Taschengeld zu streichen. Die Verantwortung wird dadurch vom Täter auf das Opfer verschoben. Wölfl: „Diese starke Unterdrückung führt zu Angst, Scham und Schuldgefühlen, oft über Jahrzehnte hinweg. Es ist sehr schwierig, oft auch nach vielen Jahren, das Schweigegebot zu durchbrechen.“ Opfer haben oft das Gefühl, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmt. Je mächtiger und bedeutungsvoller die soziale Stellung der missbrauchenden Person, umso schwieriger wird es für das Opfer auszubrechen. „Sie haben oft Angst, dass ihnen niemand glaubt.“, erklärt Wölfl.

Aus diesem Teufelskreis herauszufinden, fällt nicht leicht. Grundvoraussetzung dafür wäre, dass das Opfer eine Vertrauensperson findet. Die Aufgabe dieser Person ist es nicht nur dem Opfer zu glauben, sondern auch aufkommende Gefühle zuzulassen und unterstützend zu helfen, den Missbrauch zu beenden. So jemand kann sich innerhalb der Familie, in Jugendzentren oder auch anderen Gemeinschaften finden. Hilfe gibt es vor allem auch bei zahlreichen Beratungsstellen.

Bei sexueller Gewalt kann es unmittelbar erkennbare Anzeichen geben (z.B. körperliche Verletzungen, Spermaspuren, Videoaufzeichnungen, etc.). Auf der Verhaltensebene kann es zu Auffälligkeiten kommen (z.B. Aggressivität, nicht altersadäquates Verhalten, Leistungsabfall, Schlafstörungen, Zurückfallen in frühere Entwicklungsstufen). Verhaltensauffälligkeiten müssen jedoch nicht mit sexueller Gewalt verbunden sein und können auch andere Ursachen haben. Langfristige Auswirkungen sind davon abhängig, wie lange und intensiv der Missbrauch war, wie nahe stehend der Täter war und wie rasch das Opfer Hilfe erhält. Sexuelle Gewalt beeinflusst die spätere Beziehungsfähigkeit, die gelebte Sexualität, es kann zu Angstzuständen und Flashbacks kommen. „Nicht selten greift die Psyche zu Sebsthilfemechanismen wie Verdrängung.“, beschreibt Wölfl. Erinnerungen an das Erlebte können später unerwartet durch unterschiedliche, Auslöser wach werden. Das können z.B. Medienberichte, sexuelle Praktiken in einer Beziehung oder das eigene Kind, welches in das entsprechende Alter kommt, sein. „Opfer sollten hier nicht zögern und kostenlose Beratungshotlines nutzen.“, so Wölfl.

Wie kommt es zur Aussprache?

Nicht selten sind Traumata die Folge jahrelanger, sexueller Gewalt. Öffentliche Bekenntnisse von anderen Betroffenen können dazu ermutigen, aus diesem Schamgefühl auszubrechen und selbst Erlebtes zu bewältigen. „Hier sollten Opfer Hilfe bei entsprechenden Beratungsstellen aufsuchen.“, so Wölfl. Diese bieten umfassende Angebote: Sowohl beim Umgang mit einem konkreten Verdachts, als auch weiterführende Unterstützung (z.B. Anzeige erstatten, Prozessbegleitung, Gewährleistung des Kinderschutzes durch Jugendamt, Familie, etc.) Die psychotherapeutische Verarbeitung der Geschehnisse ist meist sinnvoll und wichtig.

Nicht nur Beratung, Therapie und Unterstützung im Nachhinein, sondern auch Prävention ist für Wölfl bedeutsam: „Wir vom Kinderschutzzentrum möchten vor allem Eltern und Lehrer für das Thema sensibilisieren. In Workshops stärken wir Kinder in ihrer Persönlichkeit, klären sie auf und machen deutlich, wie und wo sie Hilfe bekommen können. Betroffene und jemand, der einen Verdacht hat sollen wissen, dass sie sich vertrauensvoll und anonym an uns wenden können.“