zerrissenes Bild von Pärchen

Seitensprünge

Welche Gründe kann es für einen Seitenprung geben? Kann man ihm entgegensteuern? Wie? Wie geht es nach einem Seitensprung weiter? Auf diese und mehr Fragen antwortet Dr. Karin Urban, Psychologin, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, Zentrum für Ehe- und Familienfragen in Tirol.

Das Thema Untreue zwischen Liebenden hat es zu allen Zeiten gegeben. Sexuelle und emotionale Untreue löst bei Paaren meist große Verzweiflung aus und führt häufig zu Krisen in Partnerschaften, die auch oft ausschlaggebend für das Auseinandergehen von Paaren sind. Wie mit dem Thema Untreue umgegangen wird, ist jedoch nicht nur abhängig von der persönlichen Betroffenheit sondern auch stark geprägt von den Werten, Normen und Einstellungen der Gesellschaft in der wir leben. In unserer westlichen Welt erleben wir heute immer mehr einen liberaleren Umgang mit sexueller und emotionaler Untreue. Beziehungen sind heutzutage unverbindlicher und die Trennungs- und Scheidungsbereitschaft nimmt zu.

Ein Aspekt dabei ist, das veränderte Verständnis von Treue, das vielfach nicht mehr an die Institution Ehe gebunden ist, sondern an das Gefühl zu einer bestimmten Person. Das heißt Verbindlichkeit und Verlässlichkeit, das füreinander Dasein, hat nicht mehr nur mit einer vorgegebenen „Ehepflicht“ zu tun, sondern es sind freiwillige Bedingungen, zu denen man sich entscheidet und die man/frau auch wieder kündigen kann. Die Treueforderung und Treueverpflichtung gilt dann solange, wie die Beziehung als intakt und emotional befriedigend erlebt wird. Der Wunsch nach Dauer bei hoher emotionaler Qualität steht im Vordergrund. So könnte man folgern, dass die Instabilität von heutigen Beziehungen nicht die Folge von Bindungslosigkeit und Bindungsunfähigkeit zu sehen ist, sondern die Konsequenz des hohen Stellenwertes, dem Glück in Beziehungen und damit der Beziehungsqualität beigemessen wird.

Manchmal lernt man auch erst durch das Ausprobieren von etwas anderem, seine ursprüngliche Beziehung zu schätzen. Bedürfnisse, die in der eigenen Beziehung zu kurz kommen, werden auswärts gestillt. Deshalb wäre es als Seitensprung-Prävention ratsam, rechtzeitig die eigenen Bedürfnisse zu erkunden, um sie verbalisieren und einfordern zu können.

Das Thema Sexualität wird auch heute von vielen Paaren kaum angesprochen. Und genau hier liegt der Ursprung für viele Seitensprünge. Häufig äußern sich gerade in der Sexualität tiefer liegende Probleme in der Beziehung. Wenn es gelingt, z.B. in einer Paarberatung zu erarbeiten, wofür die sexuelle Unzufriedenheit auf Ebene der Beziehung steht, könnte Weiterentwicklung möglich werden, indem beide lernen sich gegenseitig zu öffnen und neue Intimität zu entwickeln.

Doch was tun, wenn der Seitensprung schon stattgefunden hat? Oftmals stellt sich die Frage „Muß ich jetzt beichten? Kann mich der Partner entschulden?“ Eher sollte man bekennen als beichten. Es geht darum die verborgenen Motive aufzudecken und aufzuarbeiten und neue Wege zu finden. Dazu ist es wichtig, dass sowohl der Untreue als auch der Verlassene von einer Außenperspektive auf sich selbst und auf das Ganze sehen kann. Für den Verlassenen kann das sehr schwierig sein und muss mit der Frage gekoppelt sein: „was will denn eigentlich ich? Was für Veränderungen sind wichtig für mich?“ 

Die Chance für das Paar besteht nicht in einer voreiligen Versöhnung sondern im Hinschauen auf die Konflikte, die lange weggesteckt wurden. Durch das Erbitten und das Gewähren von Verzeihung kann dann oft etwas Verlorenes wieder gefunden werden und bisher vernachlässigte Seiten in der Beziehung neu entfaltet werden.