Mutter mit Baby

Schuldgefühle, in der Erziehung nicht alles richtig zu machen

Wer Kinder hat kennt es – das Gefühl, immer wieder im Umgang mit den Kindern zu versagen. Hannes Kolar, klinischer Psychologe und Leiter des Fachbereiches Psychischer Dienst und Inklusion bei der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Wien, dazu: „Das ist ein zentrales Thema von Eltern, das schon ab der Geburt beginnt, wenn das Kind schreit und man es nicht zufriedenstellen kann.“

Besonders starke Schuldgefühle entstünden bei vielen dann, wenn sie das Gefühl hätten, ihre Kinder ganz salopp gesagt „am liebsten auf den Mond zu schießen“. Dazu der Psychologe: „Man muss sich immer vor Augen führen, dass es anderen Eltern vermutlich genau gleich geht. Enge Beziehungen lösen Stress aus und man hat nicht immer die Fähigkeit, damit gut umzugehen.“ Auch Mehrbelastungen wie die derzeitige Pandemie hätten Einfluss darauf, wie bewusst man Erziehung gestalten könne. „Um aus der Schuldfalle herauszukommen, muss man zuerst lernen, sich selbst zu verzeihen und lernen, die eigenen Stärken und Schwächen anzunehmen“, so Kolar. „Perfekte Menschen fungieren mehr als Vorbilder. „Menschelnde“ Menschen sind die, die man liebt.“

Wichtig sei es, eine offene Fehlerkultur zu pflegen. Das bedeutet, dass man gefühlte Erziehungs- oder Verhaltensfehlgriffe anspricht und sich auch bei den Kindern entschuldigt. Das funktioniere auch schon mit sehr kleinen Kindern.

Hilfreich könne auch sein, wieder nach eigener Intuition und weniger nach dem gesellschaftlichen, vermeintlichen Ideal zu handeln. Oft seien es auch die eigenen Eltern, die sich gerne in Erziehungsfragen einmischen würden. Auch Erziehungsratgeber können sehr verwirrend sein, weil häufig Widersprüchliches zu lesen sei.

„Holen Sie sich Feedback von den Kindern direkt. Erfragen sie ihre Gefühle und bringen Sie ihnen bei, darüber zu sprechen. Das ist das beste Regulativ“, so der Experte.

Die Bindungsforschung besage überdies, dass die elterliche Beziehung auch von Missverständnissen profitiert – Irritationen sind also positiv.

Wer darüber mit einem Experten sprechen möchte, macht sich am besten einen kostenfreien Termin in einer der österreichischen Familienberatungsstellen aus. Mittels Suchfunktion auf unserer Website finden Sie eine passende in Ihrer Nähe.