Selbstschädigung

Ritzen, verbrennen, schneiden… Warum schädigt man sich selbst?

Mag. René Vodouschek ist klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe bei der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit und psychosozialen Beratungsstelle Hartberg, wo auch Menschen beraten werden, die zu selbstschädigendem Verhalten neigen.  

Auch Familienmitglieder, die mit diesem Verhalten eines von ihnen geliebten Menschen überfordert sind, wenden sich an die Expert/innen. „Man muss wissen, dass diese Handlungen meist mit einer emotionalen Störung Hand in Hand gehen. Menschen mit einer Borderline Persönlichkeit etwa sind autoaggressiv, ritzen sich, reißen sich Haare aus oder stoßen mit dem Kopf gegen die Wand. Der Kern ist eine innere Anspannung zu der der/die Betroffene keine alternative Handlungsweise findet. Diese Menschen können auch streitsüchtig und verbal aggressiv sein.“ Diese Art von Erkrankung, die jedenfalls behandelt werden muss, hat allerdings den Vorteil, dass der/die Betroffene sich seines/ihres Störungsbildes meist bewusst ist – anders als der Alkoholkranke, der seine Sucht meist verleugne.

Nicht hinter jedem selbstverletzenden Verhalten steckt eine Borderline Persönlichkeitsstörung. Wenn man bei Jugendlichen Schnitte zum Beispiel an den Unterarmen entdeckt, kann oft auch etwas anderes dahinter stehen. „Die Pubertät ist eine äußerst vulnerable Phase. Man lernt erst, mit Druck umzugehen, man ist experimentierfreudig und man rutscht leicht in etwas hinein“, weiß Vodouschek. So könne sich ein erstes Schneiden auch aus der Gruppendynamik ergeben und keine weitere Bedeutung haben. Aber genauso gut könnte ein Hilfeschrei damit ausgedrückt werden. „Ein Risikofaktor dabei können psychisch kranke Eltern sein, bei denen die Kinder solche Bewältigungsstrategien gelernt haben.“ Jedenfalls sei es Aufgabe der Eltern, dieses Problem in Angriff zu nehmen und bei Bedarf Hilfe zuzuziehen. 

„Die Eltern müssen versuchen, herauszufinden, welches Thema dahintersteckt. Hinweise dafür können sich im Umfeld finden lassen“, so der Experte. Es könne aber auch diffiziler sein. „Man muss genau hinschauen und darf keinen großen Wirbel darum machen – das könnte eine Gegenreaktion auslösen. Das Beste sei, unaufgeregt und authentisch nachzufragen, woher die Verletzungen stammen“, rät der Experte. Eltern sollten ihre eigenen Grenzen und Betroffenheiten mit der Situation wahrnehmen, da es sinnvoll sein könnte, frühzeitig externe Hilfe anzunehmen, um selbstschädigendes Verhalten zu unterbrechen.

Präventiv sollten Eltern darauf achten, ihre Kinder zu fördern, ihnen Selbstwert zu vermitteln und ihnen beizubringen, Gefühle auszudrücken.

Wer zu selbstschädigendem Verhalten beraten werden möchte, kann sich gerne an eine der zahlreichen österreichischen Beratungsstellen wenden, wo neben Informationen auch konkrete Hilfestellungen vermittelt werden.