Traurige Jugendliche sitzend

Hilfe, ich pubertiere!

In der Pubertät werden Jugendliche Zeugen von Veränderungen in ihrem Körper und ihrer Psyche. Was sich ändert und wie sie damit zurecht kommen können erklärt Frau Birgit Wallmann-Kaser Msc, Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin der Familienberatungsstelle der Koko-Gmbh.

Schuld an den Verhaltensänderungen während der Pubertät ist grösstenteils das Gehirn. Die Synapsen vermehren sich, was zu einer Reorganisation des Gehirns führt. Insbesondere das Frontalhirn, das für solche Funktionen wie Planung, Entscheidungen treffen, zwei Dinge gleichzeitig tun und Informationen langfristig behalten zuständig ist, verzeichnet Veränderungen. Die unmittelbaren Zeichen die darauf hinweisen sind unter anderem der Leistungsabfall der Jugendlichen in der Pubertät. Instabilität, ständige Stimmungsschwankungen und Müdigkeit sind nur einige der Symptome, mit denen die angehenden Erwachsenen zu kämpfen haben. Im Angesicht dessen kann es nur natürlich erscheinen, dass so manch ein Pubertierender professionelle Hilfe bei der Beratungsstelle sucht. Frau Birgit Wallmann-Kaser Msc, Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin der Familienberatungsstelle der Koko-Gmbh meint: "der Leistungszwang der heutigen Gesellschaft trägt dazu bei, dass Jugendliche das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein, was langfristig gesehen zu Frustrationen führen kann. Und das, obwohl sie Leistungen erbringen wollen, sich in die Gesellschaft integrieren wollen. Dazu brauchen sie jedoch Unterstützung, die sie von ihrem Umfeld nicht oder nur sehr beschränkt bekommen." Selbst kommen sie sich verloren vor. Es gibt schließlich keine Richtlinien, keine Rituale, durch die man zur reifen Frau und zum reifen Mann wird. Pubertierende sind gleichzeitig kooperativ und orientierungslos, denn sie können mit dem Druck, der auf Ihnen lastet, nicht umgehen. Der Druck gepaart mit oft zu hohen Erwartungen beginnt schon im Volksschulalter, wo die Kinder wie kleine Erwachsene behandelt werden. Dabei ist es sehr wichtig zu begreifen, dass Jugendliche noch keine Erwachsenen sind. Denn nur weil sie so lange ausgehen, wie ihre Eltern und so viel Alkohol trinken, macht es sie noch lange nicht zu reifen Persönlichkeiten.

Neben Schul- und Ausbildungsfragen sowie Kommunikationsschwierigkeiten aller Art,  gehören Alkohol-und Drogenprobleme zu den häufigsten Anliegen mit denen die Betroffenen in die Beratungsstelle kommen. Auch Mobbing und grundsätzlich Gewalt in der Schule oder im Freundeskreis treten vermehrt auf.

Den Grundstein aller Probleme kann man häufig mit Kommunikationsmangel erklären. Deshalb lernen die Jugendlichen in der Beratung ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern. Auch da hilft es einen Ansprechpartner zu haben, der alles aus einer anderen Perspektive betrachtend, Lösungen liefern kann. Denn Jugendliche reden zwar viel miteinander, jedoch auf eine Art und Weise die von elektronischen Geräten bedingt ist. Der Sms-Schreibstil lässt nicht genügend Platz für tief gehende Gefühlsbeschreibungen. Stattdessen wird häufig nur geschrieben: „Mir geht es sauschlecht“. Diese Oberflächlichkeit ist ein Merkmal der heutigen Gesellschaft, weiß Frau Wallmann-Kaser. In einer Welt, in der Fernsehen und Internet nur die schöne, heitere Oberfläche des Lebens zeigen, ist es schwierig die Tradition des sich Anvertrauens aufrecht zu erhalten. Das führt zum Gefühl der Einsamkeit, von dem besonders in dieser Entwicklungsphase alle Gesellschaftschichten betroffen sind. Dieses Gefühl des Alleingelassenwerdens mit seinen Problemen widerspricht dem zentralen Bedürfnis der Pubertierenden, nämlich dem Dazugehörenwollen. Die oberflächliche Nähe in der „Spaß-Gesellschaft“, in der wir leben ist eben doch nicht imstande die tiefe Bindung zwischen den Menschen zu ersetzen. Insbesondere nicht für Jugendliche in der Pubertät.