Nest

Nestfluchtdepression – Wenn Kinder das Haus verlassen

In der Phase der Pubertät sehnen manche Eltern den Tag des Auszuges ihrer Kinder herbei. Wenn es soweit ist, kann jedoch eine Lücke entstehen, die von Einsamkeit, Trauer, aber auch von Verlustangst gefüllt ist. „Es gibt leider keine genauen Zahlen, wie viele Menschen von diesem Phänomen betroffen sind, schätzungsweise sind es 1/3 der Mütter. Von Vätern sind keine Statistiken bekannt, was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht unter der Trennung leiden“, weiß Mag.a Julia Erlach, Beraterin und Leiterin der Beratungsstellen bei KOKO.

Berufstätigen Müttern fällt die Trennung oft leichter, weil der Fokus der letzten Jahre nicht ausschließlich auf die Kinder gerichtet war. Frauen, die sich vor allem über ihre Mutterrolle definieren und wenig soziale Kontakte haben, sind häufiger betroffen. Weiters kann eine zu nahe, symbiotische Mutter-Kind-Beziehung das „Flüggewerden“ eventuell erschweren. Auch manche Alleinerziehende leiden mehr, weil ihnen in dieser neuen Lebensphase die Unterstützung eines Partners fehlt.

Viele Mütter und Väter stellen sich dieses Ereignis ganz anders vor, als es schließlich ist. Die Vorstellung eines entspannten Alltags ohne Kinder weicht letztendlich den überwältigenden Emotionen am Tag des Auszuges. „Viele Eltern sprechen von einem großen Einschnitt. Sie möchten ein wichtiger Teil im Leben der Kinder bleiben und das, was sie über viele Jahre hinweg emotional investiert haben, von ihnen zurückbekommen“, so die Beraterin. Wichtig ist, sich nicht zu schämen, Mühe mit der Trennung zu haben und den Schmerz zuzulassen – auch wenn die Gesellschaft einem das oft ungern zugesteht. Der Ablöseprozess der Kinder ist ganz normal und sollte gefördert werden, an die Veränderung muss man sich aber erst gewöhnen. Gleichzeitig ist der Blick nach vorne von Bedeutung. Die Beziehung zu den Kindern bricht nicht ab, sie geht auf einer anderen Ebene weiter. Dem Nachwuchs soll zugetraut werden, sein Leben alleine meistern zu können.

Oft hilft es, sich frühzeitig vor dem Auszug gedanklich einzustimmen und vorzubereiten. Welche Lebensziele gibt’s noch? Moderne Medien ermöglichen ein Zusammenbleiben während der Trennung z. B. über Videotelefonie. „Im Internet werden auch Blogs und Foren für Eltern angeboten, die sich auf ihre neue Rolle einstimmen wollen“, empfiehlt Erlach. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten kann sich als sehr hilfreich erweisen.

Wiederaufnahme der Arbeit, Hobbys, das Bewusstmachen der sich eröffnenden Möglichkeiten von „Freiheit“ und finanzieller Entlastung wären zusätzliche Möglichkeiten, um die eigene Leere zu bewältigen. Nach neuen Aktivitäten Ausschau halten, z. B. eine Reise planen, eine Sprache lernen, einen Kurs besuchen, eine Ausbildung beginnen – irgendetwas, das man schon lange machen wollte, könnte jetzt realisiert werden.

Wenn die Beziehung gut ist, kommen Kinder immer wieder gerne nach Hause zurück. Kinder brauchen Trennung, um dann wieder Nähe zuzulassen. 

Halten der Leidensdruck und die Traurigkeit unvermindert an, kann sich daraus eine Depression entwickeln. In diesem Fall ist es hilfreich, sich an einer der vielen kostenfreien Beratungsstellen in ganz Österreich zu wenden.