Kind malt auf dem Boden

Mein Zieh-Kind möchte seine leiblichen Eltern kennenlernen

„Das Interesse an der leiblichen Abstammung beginnt bei Adoptivkindern meist ab der Pubertät im Zuge der Identitätsfindung: Wer bin ich, woher komme ich, was sind daher meine Stärken, was kann ich – aufgrund der Eigenschaften meiner leiblichen Eltern“, weiß Mag. Eva Heistracher, Familienberaterin bei der Partner- und Familienberatung Salzburg. 

Doch eine Begegnung müsse sorgfältig geplant sein, rät die Expertin. „Die Beteiligten sollten sich auf starke Reaktionen einstellen, es können sehr emotionale Momente entstehen: von großer Rührung und Freude bis zu Kränkung, Enttäuschung bei Desinteresse und Ablehnung.“

Mündige Minderjährige können einen Antrag auf Kontaktrecht bei Gericht zu nicht verwandten Personen stellen, die leibliche Eltern nach einer Adoption rechtlich sind. Wenn aber lange Zeit sehr wenig oder überhaupt kein Kontakt bestanden hat, ist es ratsam, zunächst schriftlich mit den leiblichen Eltern in Verbindung zu treten, um Bereitschaft und Offenheit für ein Treffen einschätzen zu können. Das Einholen von Vorinformationen beim Jugendamt, bei Bekannten oder Verwandten der leiblichen Eltern kann ebenso wichtig sein: Wie steht es um die Eltern? Leben sie in gesicherten oder eher prekären Verhältnissen? Bei ungünstigen Faktoren ist ein Gespräch mit dem Kind auf jeden Fall ratsam. Wichtig ist, sachlich und wertfrei zu bleiben.

Längerfristig können die Adoptiveltern den Kontakt nicht verhindern, sollte sich das Kind diesen wünschen; Verbote können das Verhältnis trüben sowie Trotz und Widerstand hervorrufen.

Heistracher: „Kinder brauchen Klarheit über ihre Abstammung. Familiengeheimnisse können sehr irritieren und dazu führen, dass das Kind seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut. Vor allem, wenn das Gespür des Kindes und die Reaktionen der Eltern divergieren.“

Die Adoptiveltern sollten sich vor allem nicht in Konkurrenz zu den leiblichen Eltern stellen. Es kommt häufig vor, dass Adoptivkinder die leiblichen Eltern heroisieren. Das mag für Adoptiveltern, die dem Kind viel gegeben haben, schmerzvoll sein und undankbar wirken. Dennoch sollten sie die Gefühle des Kindes annehmen, die leiblichen Eltern nicht bewerten und das Kind nicht in Loyalitätskonflikte bringen. „Ist das Verhältnis zu den Adoptiveltern grundsätzlich sehr gut und herzlich, dann ändert sich das meist auch nicht. Nach der anfänglichen Euphorie, seine Wurzeln gefunden zu haben, stabilisiert sich die Beziehung zu den Adoptiveltern wieder,“ so die Expertin.

Die österreichweiten Familienberatungsstellen stehen kostenfrei allen hilfesuchenden Eltern und Kindern mit Rat und Tat zur Seite.