Kind mit überkreuzten Fingern

Mein Kind belügt mich!

„Lügen gehört zur kindlichen Entwicklung dazu“, weiß Elke Heilborn, Klinische und Gesundheitspsychologin sowie klientenzentrierte Kinder- und Jugendtherapeutin am Institut für Familien- und Jugendberatung in Linz. „Mit etwa vier Jahren entwickelt sich die Lügenfähigkeit und um die Schulreife verbessert sie sich deutlich. Viele Eltern kennen Situationen, bei denen sie ihren 4-Jährigen beispielsweise beim Wandbemalen ertappen und er reagiert mit: „Das war ich gar nicht!“ Der Grund dafür ist, dass Kinder sich in diesem Alter noch zu wenig in das Gegenüber versetzen können. Eine Fähigkeit, die benötigt wird, um überzeugend lügen zu können.  Erst etwa mit dem Schulalter würden sie die enorme kognitive Leistung des Lügens erbringen können. Ungefähr bis zum achten Lebensjahr sollten Kinder dann verstehen, dass Lügen nicht in Ordnung sind und ihnen und anderen schaden. „Oft können das ältere Geschwister besser und schneller, da sie sich an den Jüngeren erproben.“

Die Gründe für den Schwindel können verschiedene Gesichter haben: Zum einen wäre es die Angst davor, Verantwortung für einen Fehler übernehmen zu müssen oder womöglich sogar bestraft zu werden. Heilborn: „Es kann aber auch Angeberei oder das Bedürfnis für Anerkennung dahinter stecken.“ So beobachtet man z.B. häufig bei Burschen Aussagen wie „Mein Papa hat einen Porsche.“ oder „Ich habe heute beim Sport sieben Tore geschossen!“, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Bei Kindern und Jugendlichen kann die Lüge schlichtweg der Versuch sein, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Also etwa schlechte schulische Leistungen schönzureden oder vor den Eltern zu verschweigen. Auch Überforderung kann der Grund für eine Lüge sein. Wenn man das Erwartete nicht leisten kann, greift man besser zur Lüge, einerseits um niemanden enttäuschen zu müssen, andererseits um Schwierigkeiten nicht zugeben zu müssen.

„Die Lüge ist in unserer Gesellschaft ja durchaus normal – kleine Notlügen verwenden wir fast täglich, meist aus Höflichkeit. Auch Kinder werden von ihren Eltern (oft aus Rücksichtnahme) belogen und beobachten auch Lügen der Eltern. So lernen sie von ihren Vorbildern“, so Heilborn. Man könne aber als Eltern durchaus großen Einfluss darauf nehmen, wie häufig Kinder sich zu einer Lüge gedrängt fühlen. Sehr viel habe es mit der Reaktion auf die jeweilige Schwindelei zu tun. „Am besten gibt man dem Kind zu verstehen, dass man die Lüge aufgedeckt habe, geht gar nicht weiter darauf ein, sondern bespricht die Konsequenz der Handlung, die zur Lüge führte.“

Bei nach Anerkennung heischenden Sprösslingen sei es eine gute Strategie, Stärken und Talente des Kindes öfter hervorzuheben und ihnen zu Erfolgserlebnissen zu verhelfen. Fühlt ein Kind sich stark und selbstbewusst, braucht es keine Lügengeschichten mehr zu erfinden.

Die Grundregel in der Erziehung sei immer, erst nach Abklingen der ersten Wut und Enttäuschung mit dem Kind in Ruhe zu sprechen und mögliche Konsequenzen ihres Handelns zu diskutieren. Der Profi dazu: „Die Kinder müssen lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.“ Wenn sie sehen, dass das ohne Beschämung oder Schreiattacken der Eltern möglich ist, würden die Lügen weniger werden.

Wenn Sie zu diesem Thema Fragen haben, oder sich gerne Tipps zum Umgang mit Kinderlügen holen wollen, wenden Sie sich gerne an einer der zahlreichen österreichischen Familienberatungsstellen.