Ein kleiner Junge (im Vordergrund) weint, weil seine Eltern (im Hintergrund) nur Augen für das jüngere Geschwisterchen haben.

Lieblingskinder und ihre Geschwister

Manchmal fühlen sich Eltern von Geschwisterkindern einem ihrer Kinder näher, als den anderen. „Die Bevorzugung eines Kindes passiert meist unbewusst“, weiß Doris Fleck, Beraterin am Institut für Familienfragen in Graz. Allerdings geht es dabei nicht wirklich um mehr oder weniger Liebe, sondern oft um Verstehen der Persönlichkeit des Kindes: „Kann man durch die eigene Persönlichkeitsstruktur nicht nachvollziehen, wie sich das Kind in bestimmten Situationen verhält, wirkt sich das auf die Beziehung zum Kind aus. Man muss aber wissen: Das Kind spürt das instinktiv und wird sein Verhalten anpassen.“

Eine Folge daraus ist Kategorienbildung: „Die Fleißige“, „der Tolpatsch“, „das Mama-Kind“ und „das Papa Kind“. Dies führt in eine Negativspirale: Zum einen wird die Benachteiligung oder Bevorzugung verstärkt, zum anderen führen sie zur Parteienbildung innerhalb der Familie.

Eltern versuchen dann oft gegenzusteuern: „Man möchte ausgleichen, und verstärkt dadurch oft das nicht erwünschte Verhalten des Kindes“, so die Expertin. „Durch bewusstes Handeln ist man authentisch in der Beziehung zum Kind. Erkennt man, dass es nicht an Liebe fehlt, sondern an Empathie, entstehen auch keine Schuldgefühle.“

Häufig hat das Nesthäkchen in der Familie Vorrang, worunter die älteren Geschwister – die „Großen“ – oft leiden. „’Groß’ ist nicht gleich ‚groß’“, gibt die Familienberaterin zu bedenken. „Es gibt das Ältere und das Jüngere, und jedes hat seine Bedürfnisse. So hat ein 3-4 jähriges Kind als Älteres auch noch Kleinkind-Bedürfnisse. Hier gilt es achtsam zu sein, das Ältere nicht zu überfordern. Nähe und Zuneigung werden hier ebenso gebraucht.“ Weinen und revoltieren die älteren Kinder, sollten die Eltern diese Gefühle ernst nehmen und Eifersucht zulassen. Ein Kind muss sein neues Geschwisterchen erst kennen- und liebenlernen, daher gilt es auch hier, aufmerksam zu sein und vor allem in introvertiertere Kinder hineinzuhören.

Beschützt man das jüngere Kind besonders, so lernt es nicht, sich selbst für die eigenen Bedürfnisse einzusetzen. Persönliche Lösungsstrategien zu entwickeln und Stresssituationen zu bewältigen, sind grundlegende Entwicklungserfahrungen für Kinder.

Wird ein Geschwisterkind bevorzugt oder benachteiligt, sollten das am besten die Eltern im Gespräch klären: Welches Kind steht einem näher und warum? Welches Verhalten mag man besonders gern und welches nicht? „Mit altersgemäßen Fragen kann man erfahren, wie es dem Kind geht, und was es wirklich braucht. Der Partner hat vielleicht einen anderen Zugang zum Kind und kann dadurch unterstützen“, so Doris Fleck.

„Jedem Kind das Seine geben, nicht dasselbe’, wer nach dieser Maxime handelt, ist in seiner Beziehung zu den Kindern authentisch, und ist Vorbild für soziales Lernen“, erklärt die Beraterin. „Wenn entwicklungsbedingt ein Geschwisterkind mehr oder etwas anderes braucht als die Geschwister, ist es vollkommen in Ordnung, darauf einzugehen. Hat man damit ein Problem, gibt es Hilfe von außen – etwa bei einer Beratungsstelle – um ein Klima zu schaffen, wo jedes Kind seinen Platz bekommt. Es muss für eine gesunde Entwicklung kompromisslos angenommen werden – um seiner selbst willen.“