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Hände in fingerfreien Handschuhen auf einem Tisch. Sie hantieren mit wenigen Münzen.

Leben an der Armutsgrenze - wie geht man mit Existenzängsten um?

„Armut bedeutet ein Mangel an Möglichkeiten: Mit schlechterer Bildung und einem geringen Einkommen kann man weniger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen“, so Dr. Michaela Puhr. Sie ist in der Schuldenberatung am Amt der burgenländischen Landesregierung in Oberwart tätig und weiß: „Soziale Unternehmungen wie Ausgehen, Hobbies oder Sportangebote kosten Geld, das viele nicht haben. Betroffene ziehen sich zurück, das führt zu sozialer Ausgrenzung. Manifest arm ist, wer sich zudem überlegen muss, ob er sich lieber ein warmes Essen leistet oder die Wohnung beheizt.“

Von Armut betroffen sind vor allem Menschen mit Migrationshintergrund sowie Erwerbslose. Alleinerziehende Mütter, Menschen mit schlechter Ausbildung sowie Wiedereinsteiger ins Berufsleben zählen oft zu den „Working Poor“: „Sie arbeiten 20 Stunden in der Woche in schlecht bezahlten oder unsicheren Jobs, sind aber trotz dieser Erwerbstätigkeit arm oder von Armut bedroht“, erklärt die Beraterin. „Die Situation kann jeden in jeder Lebenslage treffen, ob durch Krankheit, Jobverlust oder Trennung. Wenn das Netzwerk zusammenbricht entsteht eine Spirale: Von Armut Betroffene ziehen sich noch mehr aus dem sozialen Leben zurück und geraten in die Einsamkeit und Isolation. Die Angst um die Existenz führt zu psychischen und körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen.“

Was viele nicht wissen: Es gibt Möglichkeiten. Die österreichischen Familienberatungsstellen können als erste Anlaufstelle aufklären und beraten. „In Österreich muss niemand unter der Brücke schlafen“, weiß Dr. Michaela Puhr. „Wer die Wohnung verliert kann in eine Notschlafstelle, und wer den Job verliert kann Arbeitslosengeld beantragen. Eltern haben Anspruch auf Familienbeihilfe und Kinderbetreuungsgeld. Zudem gibt es die bedarfsorientierte Mindestsicherung, Wohnbeihilfe, Heizkostenzuschuss, ‚Hilfe in besonderen Lebenslagen’ sowie Gebührenbefreiungen (Radio, Fernsehen, Rezepte,..) und Transferleistungen (eine ausführliche Liste der angebotenen Hilfestellungen findet man auch auf der Seite www.oesterreich.gv.at im Themenbreich Soziales / Armut. Für viele ist es eine Armut auf Zeit, für manche aber die Normalsituation: Rund 300.000 Menschen in Österreich haben monatlich nicht mehr als 600 Euro zur Verfügung... Der überlegte Umgang mit Geld sowie Rücklagen sind heutzutage wichtige Voraussetzungen, die bereits Kindern nahegelegt werden müssen. Es finden hierzu Aufklärung in Schulen und Kindergärten sowie präventive Projekte statt“, sagt die Expertin abschließend. „Wer Betroffene unterstützen möchte, kann ihnen ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ geben: Viele sind in der Situation alleine überfordert, und es hilft ihnen, wenn man sie zB zur Beratung begleitet, diese nachher bespricht und Feedback ‚von außen’ gibt.“