Baby im Kinderwagen, das sehr warm angezogen ist und über der Haube noch eine Kapuze trägt.

Konfliktfeld Umgang mit Kindern: Wenn andere ihren Senf dazugeben

Eine Szene, die wohl jede Mutter kennt: ein Spaziergang mit Kinderwagen und Oma. Keine 10 Minuten und der Spaziergang wird zum Minenfeld. Omas Kommentar: „So ein frischer Wind! Ist das Mauserl auch warm genug angezogen?“ Gequältes Lächeln und der guten Stimmung zuliebe eine Kapuze übers Hauberl …

Solche Situationen mit Müttern, Schwiegermüttern, Freundinnen, Bekannten und sogar Unbekannten können anstrengend sein. Wie schafft man es, dabei gelassen zu bleiben?

„Oft steht es gar nicht zur Diskussion, dass jemand mitreden darf“, weiß Dr.in Karin Urban, Psychologin und Geschäftsführerin im Zentrum für Ehe- und Familienfragen in Innsbruck, „etwa an der Supermarktkasse. Wenn eine fremde Person Tipps geben möchte, ob das weinende Kind den Schokoriegel bekommen soll oder nicht, ist das höchst übergriffig. Man kann es freundlich übergehen oder klarmachen, dass es die Person nichts angeht, z.B. mit 'Danke, ich komme selbst zurecht mit meinem Kind'.“

Wenn es die eigene Mutter ist, spielt ein persönlicher Aspekt mit: Es ist eine andere Ebene, als bei Fremden. Hier ist es sinnvoll, Ich-Botschaften zu kommunizieren: 'Ich möchte das selbst lösen.' 'Ich fühle mich bevormundet.' 'Ich fühle mich in eine Ecke gedrängt.' 'Ich fühle meine erzieherische Fähigkeit in Frage gestellt.' Mischt sich die Schwiegermutter ein, kann der Partner hilfreich zur Seite stehen.

Bei einer Freundin entscheidet man individuell, ob man das Einmischen für angemessen hält oder nicht. Dr.in Karin Urban erklärt, dass der Weg zu mehr Gelassenheit mit zwei zentralen Fragen beginnt:

1. Was braucht mein Kind, um sich gut entwickeln zu können?

2. Was brauche ich, um das ermöglichen zu können? 

„Konkret sind es vier Schritte, die zu tun sind: Ich muss mich in einem ersten Schritt fragen: Was habe ich für eine Vorstellung? Wenn ich das konkret weiß, kann ich besser entscheiden, wie ich mit dem Einmischen in meine Erziehung im konkreten Fall umgehe“, so die Expertin.

„Dass andere Menschen Kinder vor ihren Eltern tadeln, ist heutzutage beinahe tabu“, stellt Urban weiters fest. „Heutige Eltern fühlen sich für die Handlungen ihrer Kinder sehr verantwortlich. Dieser Druck tut weder den Eltern noch den Kindern gut. Beim ’Erziehungs-Mitreden’ von anderen fühlen sich Eltern dadurch selbst angegriffen, denn sie definieren ihren Selbstwert oft über das Kind.“

Spürt man Wut oder Aggression, ist es wichtig, diese Gefühle in einem dritten Schritt zu hinterfragen: Wie geht’s mir damit und warum? „Es gilt auch zu erkennen, dass man nie alleine erzieherischen Einfluss auf sein Kind haben kann, gemäß dem afrikanischen Sprichwort: 'Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen'. Jeder Mensch hat im Grunde Erfahrung mit Erziehung“, meint die Psychologin abschließend.

In einem vierten Schritt kann man sich bei Bedarf in einer österreichischen Familienberatungsstelle Hilfe holen. Beratung kann helfen, die Ursachen von Gefühlen wie Wut und Aggression zu erkennen, Perfektionismus und Überforderung aufzudecken und Schwarz-Weiß-Denken aufzulockern. Denn es gibt hier kein Richtig oder Falsch, sondern es ist wichtig, den nötigen Abstand einzunehmen, um Raum für diese Überlegungen zu gewinnen. Auch kann es helfen, die Selbstsicherheit zu stärken, dann wirken Einflüsse von außen nicht mehr so stark.