Mutter und Tochter diskutieren

Ich wollte nie so werden wie meine Mutter – jetzt bin ich es …

Sibylle Ihr-Gamperl, klinische Psychologin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin von der Sexualberatungsstelle Salzburg weiß, dass es oftmals mangelnde Empathie ist, die aus der erlebten Eltern-Kind-Konstellation entstehen kann. Wurde ein diesbezüglicher Mangel erlebt, so kommt es häufig zu einer Re-Inszenierung im eigenen Leben – man spiegelt das Verhalten der Eltern. Die Expertin schildert eine typische Szene aus ihrem Beratungsalltag:

Die drängende Suche nach Empathie in einer zwischenmenschlichen Beziehung führt eine Frau um die 30 in die Beratungsstelle. Sie beschreibt eine schwer fassbare innere Einsamkeit, die ihr gerade in Konflikten mit ihrem Mann, und auch in Gefühlen zu ihrem eigenen Sohn,als unüberwindbar erscheinen. Szenisch beschreibt Ihr-Gamperl, was typischerweise erlebt worden sein könnte. „Ein kleines Mädchen weint. Wir wissen nicht warum. Die Mutter reagiert nicht. Das Mädchen weint lauter und schlägt aus Verzweiflung schließlich mit dem Kopf an eine Tischkante. Die Mutter genervt: „Was ist denn jetzt schon wieder!“ Das Mädchen zeigt der Mutter eine kleine Beule. Die Mutter halb abwehrend, halb tröstend: „Das tut doch gar nicht weh, du brauchst nicht weinen!“ Sie versucht das Kind abzulenken: „Geh wieder spielen“. Das Kind protestiert. Die Mutter sucht nach einer Erklärung und meint: „Du bist müde - das kommt davon, wenn man so wenig schläft wie du!“ Sie will das Kind zu ihrem Bett tragen - das Kind wehrt sich - weint stärker. Die Mutter daraufhin: Musst du dauernd weinen? Andere Kinder sind doch auch fröhlich. Ich tue alles für dich und du quengelst den ganzen Tag herum.“ Das Kind hört zu weinen auf und zieht sich schließlich still in eine Ecke zurück. 25 Jahre später wartet das Mädchen, jetzt zur jungen Frau geworden, in ihrem Wohnzimmer auf ihren heimkehrenden Ehemann und es entsteht ein Streit wegen seines verspäteten Nachhausekommens. In diesem Moment weint der kleine Sohn im Nebenzimmer – er scheint durch den lautstarken Streit aufgewacht zu sein und kommt verschlafen ins Wohnzimmer. Die Mutter: “Was ist denn jetzt schon wieder - geh ins Bett und gib endlich Ruhe“. Der kleine Sohn schaut verwirrt. Die Mutter: „Ich habe so viel zu tun gehabt heute, jetzt will jetzt ich endlich meine Ruhe haben!“ Der Sohn dreht sich verwirrt um und geht zurück in sein Bett.

Ihr-Gamperl: „Es soll gezeigt werden, wie aktuelle leidvolle Erfahrungen mit dem Ausfall des empathischen Objekts in der frühen Kindheit – der Mutter – in Verbindung stehen. Ohne sich dieser Verbindung bewusst zu werden, ist es meist unmöglich, in einer späteren Begegnung mit einer anderen wichtigen Beziehungsperson die ewige Wiederholung entsprechend zu beenden.“ Ob Geschichten wie die erzählte weiter fortgesetzt werden oder glückliche Wendungen möglich sind, kann in den zahlreichen Beratungsstellen österreichweit unverbindlich und kostenfrei besprochen werden.