leerer Schaukelstuhl

Ich vermiss dich so …

Dieses Gefühl kennen all jene, die eine nahestehende Person verlieren. In der Auseinandersetzung mit dem Tod dieses Menschen durchlaufen Hinterbliebene verschiedene Trauerphasen, die den Trauerprozess kennzeichnen.

Wenn eine nahestehende Person stirbt, befinden sich Hinterbliebene zu Beginn meist in einer Art Schockzustand, in der Phase des „Nicht-Wahrhaben-Wollens“. Verzweiflung, Rat- und Hilflosigkeit herrschen vor. Dass der/die Verstorbene körperlich nicht mehr existiert, kann man sich gar nicht vorstellen. Im ersten Moment reagieren Menschen ganz unterschiedlich: manche weinen, andere lachen, sind verstört oder völlig apathisch – es gibt kein richtig und kein falsch. „In dieser Zeit können Freunde und andere Familienmitglieder ganz wichtige Unterstützungsarbeit leisten.“, erzählt Mag. (FH) Elisabeth Andre, diplomierte Sozialarbeiterin, tätig an der Familienberatungsstelle der St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien und im Mutter-Kind Haus dieser tätig. Worte sind dann oft schon zu viel. Meist reicht es aus da zu sein und den/die Nahestehende/n zu halten oder zu drücken, denn alle Gefühle der Trauernden sollen zugelassen werden, alles darf sein.  Gut gemeinte Ratschläge, wie etwa „das wird schon wieder“ sind hier fehl am Platz. Besser ist es seine eigenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen und ehrlich aber mitfühlend auf die Bedürfnisse des Trauernden einzugehen. „In diese erste Phase fallen auch viele bürokratische Erledigungen, die der/die Hinterbliebene tun muss. Auch dabei ist Unterstützung immer sehr hilfreich.“, so Andre. Der Umgang mit dem Abschied und wie ein Begräbnis gestaltet ist, das hängt stark vom Glauben des Verstorbenen und der Angehörigen ab.

Wenn der ganze Trubel um Begräbnis etc. vorbei ist, fangen Hinterbliebene an, den Verstorbenen in vielen Momenten zu suchen. Es entstehen unkontrollierte Emotionen – Trauer, Tränen, Wut und Gedanken wie „Warum hast du mich verlassen? Warum hast du gerade jetzt gehen müssen?“. Gefühlsausbrüche sollen zugelassen werden, denn diese können heilsam sein. Dennoch trauert jeder anders erzählt Andre: „Manche weinen viel und kapseln sich von der Umwelt ab, andere versuchen sich vom Schmerz abzulenken, indem sie zu trinken beginnen, oder kaufen sich ein Motorrad und fahren damit in der Gegend umher.“ Die meisten Menschen fühlen sich zuerst einmal orientierungslos. Der/Die Verstorbene hat ein Loch hinterlassen und Hinterbliebene merken, dass sie ihr Leben umstrukturieren und neu organisieren müssen. „Es ist eine Phase der Ohnmacht,“ erzählt Andre, „in der viele nicht wissen, wie es weitergehen soll.“

In der letzten Phase wird dann das Leben neu organisiert. Nichts ist mehr wie vorher. Andre: „Hier kann ein gutes, soziales Umfeld stark helfen, die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Freunde und Verwandte sollten mitfühlend, begleitend da sein und mit den Angehörigen sprechen, in Verbindung bleiben und dazu motivieren, etwas zu unternehmen.“ Rituale können für die Zeit danach sehr hilfreich sein. Ob es ein regelmäßiger Grabbesuch ist, ein angezündetes Kerzchen oder eine kleine Fotosammlung – für Trauernde gibt es immer eine geeignete Möglichkeit den/die Verstorbene/n in das Leben zu integrieren und so in Kontakt zu bleiben. Auch wenn diese/r körperlich nicht mehr greifbar ist.

Manche Hinterbliebenen möchten unbedingt in der alten Umgebung bleiben und all das Gewohnte um sich haben. Andere halten das nicht aus und müssen sich von Umgebung und Wohnung entfernen. „Auch hier ist es besonders wichtig als Angehöriger die Bedürfnisse des/der Hinterbliebenen wahrzunehmen, ernst zu nehmen und entsprechend zu unterstützen.“, so Andre.

Wie diese Phasen durchlebt werden, ist immer individuell. Andre hat erfahren, „dass die Phasen auch in einer anderen Reihenfolge auftreten können und unterschiedlich lang andauern.“ Problematisch ist es eher, wenn Hinterbliebene im Trauerprozess bleiben, wenn es sozusagen kein Ende gibt. „Wenn Menschen mit diesem Problem zu uns in die Beratung kommen, ist das schon einmal ein großer Schritt. Was ich dann rate hängt immer davon ab, was den Leidensdruck ausmacht, diesen versuche ich gemeinsam mit der Klientin, dem Klienten zu lindern. Dabei kann es z.B. darum gehen, wie jemand seine Zukunft gestalten möchte und wie diese Leere, die durch den Verlust des geliebten Menschen entstanden ist, gefüllt werden kann. Oder jemand anderer weiß nicht, wie er jetzt seinen Tag gestalten soll, aber auch Finanz- und Existenzängste kommen häufig vor.“ Die Beratung hilft bei der Neuorientierung  und erarbeitet gemeinsam, wie eine Alternative zum vorigen, alten Leben aussehen könnte, da der Trauerprozess immer seelische Spuren hinterlässt und die eigene Einstellung zum Leben sich meist völlig verändert.