Weinendes Baby

Ich habe ein Baby und bin unglücklich!

75 Prozent aller Frauen haben eine leichte Form der postpartalen Depression, landläufig auch „Babyblues“ oder „Heultage“ genannt. Eine überraschend hohe Zahl. Christina Gerstbach, diplomierte Sozialarbeiterin, Supervisorin, Coach und Schwangeren-Beraterin bei Aktion Leben begleitet schwangere Frauen bis zum 2. Lebensjahr des Kindes. Sie weiß, wie Mütter sich fühlen können, die gerade ein Baby auf die Welt gebracht haben: „Von der Gesellschaft wird erwartet, dass eine junge Mutter unglaublich glücklich ist und sich über ihr Baby freut – in der Realität ist aber vielen Frauen manchmal gar nicht so zumute, wie sie sich das gewünscht hätten: Sie sind unrund, nahe am Wasser gebaut und durch den Wind.“ 

Die Ursachen für diesen Zustand sieht die Beraterin in den vielfachen, radikalen Veränderungen, mit denen eine Jungmutter konfrontiert ist – sie muss ihr Leben nahezu neu aufsetzen. „Viele Frauen rechnen einfach nicht mit Neuorientierungen dieser Größenordnung. Es kommt für viele ganz anders, als sie sich das vorgestellt haben.“ In diesem häufigen Fall braucht es ein gutes Netzwerk: Menschen, die helfen können, diese Umstellungen zu erleichtern, der Mutter eine Auszeit zu gönnen und ihren Zustand auch zu verstehen und zu akzeptieren. In vielen Fällen hilft auch Bewegung und dem Körper etwas Gutes zu tun. „Die Menschen müssen wissen, dass bis zu zwei Drittel aller Mütter nach der Geburt nicht nur glücklich sind. Es muss der Erwartungsdruck herausgenommen werden – Frauen dürfen dazu stehen, dass ein Baby mitunter die eignen Grenzen sehr herausfordert“, so Gerstbach. 

Wenn dann weitere Symptome dazukommen, wie Schlafprobleme, Panikattacken, Inaktivität, Angstgefühle – wenn die Frau mit dem Alltag nicht mehr zurechtkommt, dann ist Handlungsbedarf gegeben. „In solchen Fällen spricht man dann von einer echten postpartalen Depression, die rund 16 Prozent aller Jungmütter betrifft“, weiß Gerstbach. Eine immer noch sehr hohe Zahl. Erste Anlaufstelle könnte eine Beratungsstelle sein, die der Frau in einem Erstgespräch Hilfe für ihre seelische Erkrankung anbietet. In Gesprächen wird dann auch festgestellt, ob ärztliche Behandlung notwendig ist. In ca. ein Prozent der Fälle kommt es zu einer postpartalen Psychose. „Das kann der Fall sein, wenn mehrere Belastungsfaktoren zusammenkommen. Wenn man zum Beispiel gleichzeitig mit der Geburt auch noch einen Angehörigen verliert.“ Eine postpartale Psychose ist eine ernsthafte Erkrankung, hier muss unbedingt ein Arzt oder eine Ärztin zugezogen werden.

Auch Jungväter können eine Art von Depression erleiden. Sie zeigen jedoch oft weit weniger Bereitschaft, sich mit einem Coach oder Therapeuten zusammenzusetzen. Doch auch für sie wäre es wichtig, sich Rat zu holen und somit Erleichterung für ihren Zustand.

Die zahlreichen österreichischen Familienberatungsstellen sind jedenfalls immer erreichbar, wenn man in der Situation als Jungeltern Probleme hat und sich nicht so glücklich fühlt, wie von einem erwartet wird.