Ein Kind ist im Vordergrund auf sein Smartphone konzentriert, während die Familie im Hintergrund bleibt.

Hilfe, mein Kind ist Smartphone-süchtig!

Handys sind zu Begleitern des täglichen Lebens geworden – auch dem unserer Kinder. Das beginnt bereits im Volkschulalter, wo besorgte Eltern ihren Nachwuchs immer erreichbar sehen möchten. Für Notfälle ist dies sicher eine sinnvolle Maßnahme. Wenn der oder die Unter-Zehn-Jährige dann aber ständig ins Smartphone schaut und sich mehr oder weniger aus dem realen Leben ausklinkt, dann wird der moderne Alleskönner zum echten Problem.

Dr.in Karin Urban ist Psychologin und Geschäftsführerin im Zentrum für Ehe- und Familienfragen in Innsbruck. Sie verzeichnet vermehrt Anfragen verzweifelter Eltern im Zusammenhang mit der intensiven Smartphone-Nutzung der Kinder: „Sie ziehen sich zurück und nehmen nicht mehr am Familienleben teil. Das beginnt beim gemeinsamen Essen: Die Kinder sind fixiert auf das Gerät und reagieren gereizt wenn sie gebeten werden es kurz auszuschalten oder wegzulegen“, so die Expertin.

Die Sucht nach dem Smartphone wirkt sich aber nicht nur auf das Familienleben aus: „Die Kinder sind auch im Unterricht nicht mehr präsent. Sie leben mehr und mehr virtuell und nehmen die Realität nicht mehr richtig wahr. Dazu können suchtähnliche körperliche Symptome wie Unruhe und Ängstlichkeit auftreten, wenn das Handy nicht verfügbar ist“, erklärt Dr.in Urban. „Sie haben das Gefühl, für ihre Freunde immer erreichbar sein zu MÜSSEN – aus Angst, sonst ausgeschlossen zu werden. Das Handy wird Mittel zum Zweck der ständigen Erreichbarkeit. Es gibt die Sicherheit ‚dazuzugehören’ und das Gefühl ‚wichtig zu sein’. Das befriedigt die Sehnsucht nach Anerkennung.“

Neben der Anzahl der eingehenden Nachrichten wirkt sich auch die Anzahl der virtuellen Freunde auf das Selbstwertgefühl aus. Reale soziale Kontakte hingegen werden immer mehr vernachlässigt. „Wenn die Kinder auch ihren Hobbies oder Verpflichtungen wie den Hausaufgaben nicht mehr nachkommen, so sollte das für Eltern ein Warnsignal sein“, weiß die Beraterin. „Ob tatsächlich eine Smartphone-Sucht vorliegt, kann man nicht allein am Zeitumfang der Handy-Nutzung festmachen, sondern man muss hinterfragen: Wozu wird es verwendet, in welchen Situationen und mit welchen Motiven?“

Als Teil der Jugendkultur ist das Smartphone nicht nur Kommunikationsmittel sondern auch Medium zur Selbstdarstellung: Kunstvolle Cover, selbstgemachte Hüllen und individuelle Klingeltöne sind ein Stück weit Identität. Dieser soziale Aspekt führt ebenso zu vermehrter Nutzung. „Die Erreichbarkeit wird zur Angewohnheit, das Alleinsein mehr und mehr verlernt“, so die Psychologin. „Wer sich an seinem Smartphone ‚festhalten’ kann, muss zudem nicht über sich selbst nachdenken – egal ob in der U-Bahn, im Wartezimmer oder alleine zuhause.“

Wenn die Smartphone-Nutzung zum Problem wird, sollten Eltern das Gespräch mit den Kindern suchen. Dr.in Urban rät zur Konfrontation, auch wenn die Auseinandersetzung oft eine Belastungsprobe ist: „Es ist wichtig, Kindern klarzumachen, dass es in Ordnung ist, auch mal nicht erreichbar zu sein. Handyfreie Zeiten in Abstimmung mit dem Freundeskreis bieten sich an. Sinnvoll ist auch zu erklären, warum man das so möchte, wie etwa beim gemeinsamen Essen. Solche ‚Regeln zur bewussteren Handynutzung' können auch für das Schlafengehen vereinbart werden, wie etwa das Gerät nachts abzuschalten.“

In den österreichischen Familienberatungsstellen finden Eltern Unterstützung durch Experten: „Zusammen mit den Kindern und Jugendlichen erarbeiten wir interessante Alternativen abseits der Smartphone-Nutzung. Da das Medium mittlerweile zum täglichen Leben gehört, ist es für Kinder und Jugendliche aber wichtig zu lernen, bewusst damit umzugehen und es sinnvoll einzusetzen“, betont die Beraterin abschließend.