Hat mein Kind einen „Spleen“?

Laufend die selben Rituale: Die Zahnbürste kommt stets in die gleiche Hand, vor dem Schlafen müssen alle Schuhe sortiert werden… Viele Kinder haben originelle Angewohnheiten. Ist das normal oder sollten sich Eltern sorgen? Übersetzt bedeutet „Spleen“ eine „seltsame Angewohnheit, die auf andere komisch wirkt.“ Mag.a Julia Deutsch-Erlach, Beraterin und Koordinatorin der Beratungsstellen von KOKO Salzburg dazu: „Viele Kinder entwickeln Rituale, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. So gehören etwa „Magisches Denken“ oder „Aberglaube“ zur Entwicklung dazu. Ticks und zwanghafte Verhaltensweisen sind meist vorübergehend. Sie behindern kaum, helfen sogar, Neues zu lernen, sicher zu sein und sich damit in neuen Lebensphasen rasch und besser zurechtzufinden.“

Kindliche Zwangshandlungen treten bei etwa jedem 5. Kind im Vorschulalter und bei jedem 10. Kind im Schulalter auf.  Zu Ticks kommt es vor allem im Kindesalter bis zur Pubertät. Es wird vermutet, dass im Grundschulalter ungefähr jedes zweite Kind einen vorübergehenden Tick entwickelt, Jungen sind dabei häufiger betroffen als Mädchen, die Ursache ist hierfür noch unklar. 

Dazu die Beraterin: „Ticks beschreiben unfreiwillige Bewegungen, die häufig das Gesicht betreffen, wie etwa Zwinkern, Husten oder Räuspern. Sie treten bei starker emotionaler Erregung wie zum Beispiel Freude oder Wut öfter auf als im entspannten Zustand und häufen sich in Stresssituationen. Außergewöhnlich sind beide Verhaltensweisen nicht und verschwinden in den meisten Fällen nach maximal einem Jahr wieder.“ Weitere Auslöser können stark belastende Situationen wie etwa die Trennung der Eltern, der Eintritt in den Kindergarten oder Verlusterfahrungen sein.

Verhaltensweisen wie Nägelbeißen, Daumenlutschen, Nasenbohren, Haare um die Finger drehen und Zähneknirschen gehören laut Deutsch-Erlach zu den sogenannten „nervösen Angewohnheiten“. Gründe dafür können Langeweile, Neugierde, Stress oder Gewohnheit sein. Diese Angewohnheiten dauern unter Umständen sogar bis ins Erwachsenenalter an. Nägelkauen ermöglicht Kindern, Spannungen und Stress in für sie schwierigen Alltagssituationen abzubauen und Trost zu finden. „In den meisten Fällen brauchen sich Mütter und Väter keine Sorgen zu machen, sehr wahrscheinlich hört das Nägelbeißen von selbst wieder auf.“ 

Kindern beim Aufhören zu helfen ist nur dann sinnvoll, wenn sie selbst aufhören wollen. Eltern sollten überlegen, welche Ursache zum Nägelkauen führt und ob es Dinge gibt, die das Kind beunruhigen. Die Expertin dazu: „Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber. Möglicherweise läuft die Angewohnheit unbewusst ab, weshalb es sinnlos wäre, das Kind zu kritisieren oder zu bestrafen. Unter Druck gesetzt könnte Nägelkauen vermehrt auftreten.“ Wichtig sei die sorgfältige Pflege der Nägel. Je weniger Aufmerksamkeit dem Nägelbeißen geschenkt und der Fokus auf positive Eigenschaften gelenkt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder von selbst damit wieder aufhören.

Wenn die Angewohnheit allerdings über ein Jahr andauert, ein Kind in seinem alltäglichen Leben beeinträchtigt, sein Wesen verändert, es nicht mehr frei spielen kann bzw. sich zurückzieht, könne sich laut Deutsch-Erlach aus dem „Spleen“ eine Zwangsstörung manifestieren. Dem/r Betroffenen ist zwar klar, dass seine/ihre Handlung unsinnig ist, er/sie kann sie aber trotzdem nicht unterlassen. Letztlich wird das Kind von seinen Zwängen so eingeengt, dass es gar nicht mehr es selbst sein kann. Ein solches zwanghaftes Verhalten führt unter Umständen sogar dazu, dass die ganze Familie darunter leidet.

Sollte Ihr eigenes Kind betroffen sein, bietet sich ein Gespräch mit einem/r ExpertIn in einer österreichischen Familienberatungsstelle an.