Mann bei Spaziergang

Häusliche Gewalt: Wenn Männer brutal werden

Laut Polizeiberichten nimmt Gewalt innerhalb der Familie trotz Pandemie nur marginal zu – dennoch könnte die angespannte Situation für das eine oder andere unerwartete Gewaltpotenzial sorgen.

Alexander Haydn ist Psychotherapeut und Leiter der Gewaltarbeit bei der Männerberatung Wien. Er weiß, dass es primär Männer sind, die physisch und psychisch übergriffig werden: „Das hat einerseits mit den Hormonen zu tun. Männer agieren testosterongesteuert, Frauen haben mehr Östrogen. Andererseits mit der Sozialisation und dem tief in den Männern verwurzelten patriarchalen Musterdenken.“ In den klassischen Rollen gesprochen würden Männer eher nach außen agieren, Frauen nach innen.

Um einen möglichen Ausbruch zu verhindern, weiß der Experte eine Maßnahme: „Vereinbaren Sie innerhalb der Familie, was passiert, wenn es zu viel wird. Am besten ist, aus der Situation zu gehen – die Wohnung oder das Haus für einen Spaziergang verlassen. Wobei man den Familienmitgliedern vorab die Sorge nehmen muss, dass man möglicherweise nicht mehr zurückkehrt.“

Dafür braucht es allerdings eine sensibilisierte Wahrnehmung, die anzeigt, dass man „auf hundert“ ist. Haydn nennt es Frühwarnsignale, die man identifizieren und erkennen lernen müsse. Sie können körperlich auftreten in Form von Muskelanspannung und zusammengebissenen Zähnen oder emotional: Wut, Zorn, Traurigkeit oder Verzweiflung treten auf. Auf der rationalen Ebene zeigt sich im Frühstadium der Gedanke: „Wenn sie noch einmal … aber dann …“ Die vierte Ebene ist die Verhaltensebene: Hier treten individuelle Muster auf, die man auch aus der Tierwelt kennt. So etwa im Raum herumlaufen oder - im übertragenen Sinne - auf den Tisch hauen.

Wenn eines oder mehrere dieser Signale auftreten, gilt es so rasch als möglich auszugleichen. „Um das Anspannungsniveau zu reduzieren, eignen sich Körper- und Gedankenübungen sehr gut, die man auch erlernen kann“, empfiehlt der Berater. 

Wenn ein Gewaltausbruch passiert sein sollte, gilt es, sich Hilfe zu holen. „Selbst wenn es das erste Mal gewesen sein sollte – es wird wieder passieren“, weiß Alexander Haydn aus Erfahrung. Daher eher früher als später zum Hörer greifen und etwa unter der neuen Servicenummer 0720-70 44 00 – Männerberatung bei Gewalt in der Familie anrufen. Gewaltbereite Männer können sich dort auch für ein mehrmonatiges Programm anmelden, in dem man das Erkennen der Frühwarnsignale und Methoden, um zu deeskalieren, erlernt.

Wenn in Ihrer Familie häusliche Gewalt auftreten sollte, wenden Sie sich an eine spezialisierte Beratungshotline bei einer der österreichischen Familienberatungsstellen. Suchen Sie mittels Suchmaske auf unserer Homepage nach der passenden für Sie. Auch Partnerinnen wird bei gewaltausübenden Männern dort akut geholfen.