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Zwei Männer sitzen auf einer Bank im Freien und halten Händchen. Man sieht sie von hinten, vom Rücken abwärts.

Gleichgeschlechtliche Partnerschaft & konservatives Umfeld

In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges getan: Es gibt mehr sichtbare Vielfalt in Partnerschaften und Familien sowie mehr Akzeptanz und Verständnis in unserer Gesellschaft. Für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen ist das „Coming Out“ trotzdem auch heute noch kein Kinderspiel. Viele haben Angst, Erwartungen zu enttäuschen oder abgelehnt zu werden, von der Familie, von Freunden oder am Arbeitsplatz. Das Bekenntnis zu Gefühlen, die als „abweichend“ bewertet werden, sieht sich mit Vorurteilen konfrontiert: „Es ist wider die Natur“, „pervers“, „krankhaft“, „ein homosexueller Mann ist kein richtiger Mann“, „lesbische Frauen sind Männerhasser“, „schwule Männer sind nicht beziehungsfähig“ etc.

„Diese Zerrbilder können verinnerlicht zur internalisierten Homophobie und weiter zu einem negativen Selbstbild führen“, so Univ.-Lekt. Mag. Johannes Wahala. Er ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung und Leiter der Beratungsstellen COURAGE (Wien Graz und Innsbruck) und weiß: „Das kann schon in der frühen Kindheit beginnen: Wenn Kinder sich von ihrem Geschlecht ‚abweichend’ empfinden oder sich so verhalten, erleben sie sich oft als fremd und nicht OK. Grund dafür sind die Reaktionen der Umwelt. Die Gefühle, abgelehnt zu werden oder Erwartungen nicht zu erfüllen, wirken auf das Selbstbild und es kann zu Selbstentwertung und autoaggressiven Tendenzen kommen. Wenn man sich selbst ablehnt, ist professionelle Begleitung sinnvoll, mit dem Ziel ein positives Selbstbild und eine tragfähige Lebensperspektive zu entwickeln“, erklärt Wahala. „Mit Experten kann man die eigenen verinnerlichten Vorurteile und Zerrbilder anschauen und infrage stellen. Hat man das gelöst, ist ein Outing viel einfacher. Man ist selbst gut gefestigt und weiß, wie man sein Leben gestalten will.“

Wer sich seiner gleichgeschlechtlichen Empfindungen bewusst und mit diesen im Reinen ist, kann mit Reaktionen von außen viel besser umgehen. Im näheren familiären und sozialen Umfeld ist zu bedenken: „Je traditioneller, konservativer oder religiös gebundener dieses ist, desto schwieriger kann das Coming Out werden.

Es gibt zudem noch oft ein Gefälle zwischen Großstädten und ländlichen Gebieten, wo es gleichgeschlechtlich empfindende Menschen eher schwer haben, sich zu outen oder in einer Partnerschaft zu leben“, weiß der Experte.

Zerrbilder kann man aber ganz klar abbauen: „Wo immer es zu persönlichen Begegnungen kommt, kann sich Einstellung verändern“, so Wahala. „Auseinandersetzung bringt Umdenken, denn oft fehlt es einfach an Information. Das Wissen, dass sexuelle Orientierungen nicht durch Erziehung entstehen, entlastet Eltern, die unter Schuldzuweisungen oder -gefühlen über das ‚Anderssein’ ihres Kindes leiden. Die heutigen wissenschaftlichen Kenntnisse sagen klar: Heterosexualität und Homosexualität sind verschiedene Ausprägungen der einen vielgestaltigen menschlichen Sexualität. Homosexualität ist also nicht krankhaft, abnorm oder gar pervers, sondern eine Entwicklungsvariante und so auch eine Ausdrucksform menschlicher Liebesfähigkeit. In unserer Gesellschaft gilt es, die Fähigkeit zur Intimität zu fördern, damit es tiefgehende Beziehungen gibt, ob gleich- oder verschiedengeschlechtlich“, erklärt der Sexual- und Beziehungswissenschaftler.

Über all das können sich Eltern in den Beratungsstellen aufklären lassen. Hier finden sie im geschützten Umfeld Raum für ihre Ängste und Sorgen und können frei über ihre Vorurteile sprechen. „Für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen in der Coming Out-Phase ist es oft sinnvoll, sich ‚Verbündete’ in der Familie und/oder im Freundeskreis zu suchen, die sie beim öffentlichen Outing in Familie, Freundes-kreis, Schule, Arbeitsplatz etc. unterstützen“, sagt Wahala.

Speziell in den COURAGE Beratungsstellen, http://www.courage-beratung.at, finden gleichgeschlechtlich bzw. transident empfindende Menschen und ihre Angehörige professionelle Beratung.