Bub sitzt vor Computer

Gibt es Internetsucht?

Der richtige Umgang mit digitalen Medien wird viel diskutiert: Vor allem Eltern beschäftigt der zunehmende Zeitaufwand, die mögliche Entwicklungs-Beeinträchtigung ihrer Nachkommen und deren potentiell soziales Verkümmern. Hilde Brandtner, DSA, ist Psychotherapeutin und Sucht-Beraterin bei b.a.s, der steirischen Gesellschaft für Suchtfragen. Sie hat beruhigende Nachrichten: Eine deutsche Studie hat ergeben, dass Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren rund 3,5 Stunden pro Tag online verbringen und davon seien rund 40 Prozent, um miteinander zu kommunizieren. „Ich sehe darin überhaupt kein Problem! Jugendliche chatten, tauschen sich aus, sind laufend in Kontakt. Das ist die Art und Weise wie sie in unserer Zeit kommunizieren!“ Es gibt neben der Kommunikations- und Informationsmöglichkeit auch andere positive Begleiterscheinungen, von denen die Expertin zu berichten weiß. Oft würden Chatforen beispielsweise Mädchen mit Essstörungen Unterstützung bieten, viele Heranwachsende finden Zuflucht und ein offenes Ohr, das sie in der Familie nicht haben.

„Auch die Möglichkeit, sich im Web einer Identität zu bedienen, einen Avatar zu benutzen, schafft die Möglichkeit zu experimentieren und Dinge auszuprobieren, die man sich in der realen Welt möglicherweise nicht trauen würde“, so Brandtner. Die Beraterin rät zu einem generell entspannten Umgang, allerdings immer mit einem kritischen Blick. Problematisch werde es erst dann, wenn die virtuelle Welt die Begegnung mit der realen Welt zunehmend ausschließlich zu ersetzen beginnt und reale Beziehungen, andere Interessen wie Sport, Hobbies oder Schulleistungen stark vernachlässigt werden. Die Flucht in die virtuelle Welt kann auch ein Lösungsversuch bei psychischen Beeinträchtigungen, wie sozialer Unsicherheit, bei Angststörungen oder Depressionen, sein. Eltern sollten laut der Expertin aktiv beobachten, was ihre Kinder am Computer tun, sich beteiligen und interessiert zeigen. Dies könne ein gesundes Verhalten fördern.

Auch Erwachsene können in die Welt der digitalen Medien kippen – doch auch hier sieht Brandtner kein Problem. „Die Frage ist immer, wo und bei wem entsteht Leidensdruck. Ist das nicht der Fall, so sollte man sich auch keine großen Gedanken machen, wenn man eben gerne auf Facebook postet: Es macht Spaß!“ Durchaus gäbe es aber Paare, bei denen der Gebrauch der digitalen Medien zum Beziehungsproblem werden kann. „Ob es jetzt Pornos sind oder zu viel Zeit, die vor dem Computer verbracht wird – sobald ein Partner unter dem Nutzungsverhalten leidet, muss man darüber reden und einen Modus finden, die gegenseitigen Erwartungen zu synchronisieren.“ Wenn allzu viel Lebensenergie hineinfließt, könne dies für die Beziehung sehr belastend sein.

Bei all diesen Problemen helfen sehr gerne die Berater und Beraterinnen der zahlreichen österreichischen Familienberatungsstellen.