Nachdenkliche Frau raucht Zigarette

Gewalt in Familien

Viele Menschen reflektieren zur Festtagszeit vermehrt ihre Lebenssituation und Beziehungen – oft werden dann Probleme sichtbar. Erwartungen an Festtage sind dann besonders hoch. Wenn sie unerfüllt bleiben, kann es auch zu Konflikten kommen, im schlimmsten Fall mit gewalttätigen Übergriffen. Andrea Brem, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser dazu: „Eine Rechtfertigung für Gewalt gibt es nicht. Sie wird eingesetzt um ein Ziel – gegen den Wunsch eines anderen – zu erreichen.“, und dazu werden meist „Gründe“ vorgeschoben. In der Realität eskaliert die Situation bei Kleinigkeiten, wie beispielsweise einem Missgeschick beim Festessen oder einem nicht perfekt gedeckten Tisch.

„Spätestens bei der ersten Ohrfeige wurde eine Grenze überschritten.“, warnt Brem: „Wenn Gewalt im Spiel ist, besteht ein Machtungleichgewicht in Beziehungen. Das Opfer fürchtet sich vor neuerlichen Misshandlungen. Der Gewalt geht meist Isolation voran: Freunde, Verwandte dürfen nicht mehr getroffen werden, Kontakte schlafen ein. Daher ist es wichtig, dass Opfer professionelle Unterstützung bekommen und damit ihre Probleme ein Stück weit öffentlich machen. Gewalt kündigt sich meist an, es empfiehlt sich daher, wachsam zu sein und erste Anzeichen, wie z.B. übermäßige Eifersucht oder ausgeprägtes Kontrollverhalten nicht zu verharmlosen."

Warum Frauen in gewalttätigen Beziehungen bleiben

„Bei vielen herrscht der Wunsch nach einer heilen Beziehung – der Traum möchte nicht aufgegeben werden. Auch ökonomische Gründe und Abhängigkeiten sind ausschlaggebend.“ Viele Mütter wollen dem Kind den Vater erhalten. Die Hoffnung auf Besserung besteht – nicht zuletzt, weil viele Partner versprechen, sich nach einem Zwischenfall zu ändern. Manchmal sind die Angst und die Erschöpfung einfach zu groß, um eine Trennung einzuleiten.

Was leisten Beratungsstellen?

Beratungsstellen bieten akute und langfristige Hilfe. Von Gewalt betroffene Frauen können sich anonym an Beratungsstellen wenden. Sie werden in rechtlichen und psychosozialen Belangen (Gewaltprävention, Opferrechte, Gesundheit, Traumatisierung, etc.) unterstützt. Aber auch existenzielle Fragen werden thematisiert (Job- und Wohnungssuche, etc.).

Brem: „Das Wichtigste ist, dass die Sicherheit der von Gewalt betroffenen Frauen und Kinder gewährleistet ist.“ Damit Gewaltopfer zu ihrem Recht kommen, können sie in Gerichtsverfahren unterstützt werden. „Viele Betroffene haben noch nie von der Gewalt erzählt und sind dann vor Gericht überfordert.“ Psychosoziale Prozessbeleitung informiert Opfer, wie ein Strafverfahren abläuft und was vor Gericht passiert, juristische Prozessbegleitung durch eine/n Anwalt/Anwältin sichert die Wahrung der Opferrechte. Brem: „Besonders wichtig ist es zu informieren. Sowohl Täter als auch Opfer wissen über die Rechtslage oft nicht Bescheid.“

Wie lange Betroffene Unterstützung brauchen, ist unterschiedlich. „Manchmal genügen ein, zwei Beratungen, manchmal braucht es längerfristige Begleitungen und einige Klientinnen werden an andere Einrichtungen oder Psychotherapeut/innen weitervermittelt, die alle Teile eines umfassenden „Auffangnetzes“ sind.“

Auf Kinder wird leider zu oft vergessen. Auch ohne direkter, körperlicher Gewalt – sie sind von Gewalt mitbetroffen, wenn sie erleben müssen, wie die Mutter geschlagen wird. Für Kinder kommt es zu einer schwierigen Situation zwischen Vertrauen, Liebe, Angst und Enttäuschung.

„Gewalt ist eine Verletzung der Menschenrechte und daher zu verurteilen. Sogenannte milieuspezifische oder auch andere „Gründe“ dürfen nicht als Entschuldigungen akzeptiert werden. Unsere Beraterinnen haben die Aufgabe, sich klar gegen Gewalt auszusprechen – auch im Gespräch mit Betroffenen.“, betont Brem.