Ein Mann und eine Frau zeigen ein gemeinsames, in der Mitte zerrissenes Foto voneinander.

Freundschaft nach einer Beziehung?

Es scheint immer mehr üblich zu sein, dass Paare nach erfolgter Trennung beste Freunde bleiben. Das Ganze gipfelt in sogenannten Scheidungspartys, wo Eheleute ihre Loslösung voneinander sogar mit Freunden zelebrieren. Doch ist das überhaupt sinnvoll und möglich? Dazu Mag. Eva Bitzan, dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin in einer Beratungsstelle der Erzdiözese Wien: „Grundsätzlich spricht nichts gegen ‚Scheidungsrituale’. Wir brauchen sie an einschneidenden Punkten unseres Lebens, sogenannten Übergängen. Wer gut Abschied nimmt von einem Partner, ist besser gerüstet für eine folgende Freundschaft. Eine solche wagen viele Ex-Paare, tendenziell mehr jüngere, bei denen die Beziehung noch nicht so sehr auf die Lebensplanung ausgerichtet war – im Sinne von ‚ich habe den Mann/die Frau fürs Leben gefunden’.“

War die Trennung weniger dramatisch, kann man unbefangener mit der Situation umgehen. Hat man viele Jahre miteinander verbracht, zusammen gewohnt oder sogar bereits Kinder, dann ist eine Trennung einschneidender und die Voraussetzungen für den weiteren Umgang miteinander andere.

„Ob eine solche Freundschaft letztlich funktioniert, hängt meist von der vorangegangenen Beziehungsgeschichte ab“, weiß die Expertin. Unerfüllte Erwartungen und Verletzungen und vieles mehr bilden unterschiedliche Voraussetzungen für eine Freundschaft.

Folgende Schritte empfiehlt Mag. Bitzan, um mit dem Ex-Partner Freund bleiben zu können:

1. Wichtig ist es, nach der Trennung für sich zu sein, wieder alleine Fuß zu fassen und die Trennung zu bewältigen. Eventuell kann Trauerarbeit sinnvoll sein. Sofort eine Freundschaft zu pflegen ist schwierig, ein Übergang wichtig.

2. Wichtig ist es dann, sich mit Beziehung und Trennung auseinanderzusetzen. Ideal ist eine gute Gesprächskultur, eventuell auch mit Freunden oder in der Beratung. Man schließt ab und löst miteinander Verwobenes auf. Dabei kristallisiert sich heraus, was bleibt und ob eine Freundschaft von beiden Seiten aus möglich und gewünscht ist. Selbst wenn nicht, ist diese Auseinandersetzung und das Abschließen für kommende, neue Beziehungen sehr wichtig. Offenheit ist dabei die Voraussetzung, damit jeder weiß, woran er ist oder ob es noch Gefühle – und vor allem welche – beim Ex-Partner gibt.

3. Hat man sich für eine Freundschaft entschieden, ist zu bedenken, dass eine Liebesbeziehung und eine Freundschaft viele Unterschiede bergen, die Zeit zur Umstellung brauchen: Verschiedene Motivationen stehen im Vordergrund, Freundschaften wachsen, Liebesbeziehungen beginnen, und man hat höhere Ansprüche, Freundschaften sind weniger störungsanfällig, man verzeiht leichter, Liebe zeigt andere Gefühle, usw.

Mag. Bitzan: „Hat man dies berücksichtigt, und sich freundschaftlich aufeinander eingestellt, ist es durchaus möglich, die gemeinsame Geschichte und ihre positiven Aspekte für die Freundschaft zu nutzen. So zu tun, als wäre nichts gewesen, ist nicht möglich und auch nicht notwendig für eine Freundschaft. Die offene Aussprache über die gemeinsame Zeit ist Voraussetzung, und es kann sogar sehr hilfreich sein, offene Konflikte, unerfüllte Erwartungen oder Verletzungen anzusprechen, da diese unaufgearbeitet eine Freundschaft erschweren können.“

Ob eine Freundschaft scheitert, hängt vor allem davon ab, wie groß der Leidensdruck bei einem oder beiden ist, egal ob aus der Trennung oder der Beziehungsgeschichte.

Geht einer der ehemaligen Partner eine neue Beziehung ein, ist das sicher ein Prüfstein für die neue Freundschaft. Vergleiche werden gezogen, Neid auf frische Verliebtheit und neue Perspektiven kann sich einstellen. Das ist ganz normal!

Eine Beratung kann in jedem Fall helfen, bei der Trauerarbeit, beim Abschließen mit der Beziehung sowie bei klärenden Gesprächen, um eine neue Haltung zu gewinnen und für eine Freundschaft bereit zu sein. Zur Beratung kann man alleine oder zu zweit gehen, beides macht Sinn.