Schützende Hände legen sich um einen Scherenschnitt, der eine Familie zeigt.

Freud und Leid in Patchworkfamilien

In Patchworkfamilien leben Kinder und Paare zusammengewürfelt aus ursprünglichen Kernfamilien. Aufgrund der hohen Scheidungsrate gibt es immer mehr Familien, die in zweiten Familien, Stieffamilien oder sogenannten Patchworkfamilien leben. „Bei dieser Art des Zusammenlebens prallen mitunter Welten aufeinander“, weiß Mag. Susanne Savel-Damm, Leiterin der Partner- und Familienberatungsstelle Salzburg. Die Dipl. Ehe-Familien- und Lebensberaterin betont auch: „Es besteht bei Paaren oft die Illusion, dass sie in der zweiten Familie alles besser machen. Dabei haben die Beteiligten aber oft noch die Modelle einer Kernfamilie im Kopf. Man orientiert sich dann an dieser, wodurch Erwartungen entstehen die nicht erfüllt werden können. Patchworkfamilien unterliegen eigenen Gesetzmäßigkeiten.“

Für Kinder bedeutet es häufig auch nun in mehreren Haushalten Familie zu leben und dadurch zwischen unterschiedlichen sozialen Welten zu pendeln. Dabei sind sie mit verschiedenen Werten, Lebensstilen, Erziehungsmustern und Gewohnheiten konfrontiert.

„Kinder müssen ihre Verluste in der ersten Familie angemessen betrauern dürfen. Die neue Familie muss langsam zusammenwachsen. Das ist stets ein Prozess, der in vielen Fällen Jahre dauert: Vieles muss sich erst neu entwickeln“, erklärt Mag. Savel Damm weiter. „Wichtig kann dabei sein, dass der neue Partner seine Rolle zunächst auf der Paarebene wahrnimmt. Er/Sie sollte niemals versuchen, den leiblichen Elternteil zu ersetzen.“

Die systemische Familientherapeutin weiß, dass die Kooperation der getrennten Eltern enorm wichtig ist. So können sie den Kindern einen sicheren Rahmen mit geregeltem Kontakt ohne Loyalitätskonflikt bieten. Hilfreich ist, wenn die neuen Partner die Erwartungen aneinander und an das neue Familiensystem klären und diese möglichst realistisch sind. Elternschaft für fremde Kinder kann nicht einfach übernommen werden, genauso wenig wie diese einfach abgegeben werden kann. Auch ein „Stiefelternteil“ muss erst einen angemessenen Platz im neuen System finden.

Hat ein Kind die Trennung der Eltern noch nicht verwunden oder spürt es, dass der eine Elternteil noch sehr darunter leidet, so führt es sogenannte Stellvertreterkriege gegen den neuen Partner. Hier ist Verständnis von beiden Seiten gefragt: Jeder soll seinen Platz in der Familie bekommen und einnehmen dürfen.

Auch auf der Geschwisterebene können neue Rollen entstehen. Ein älteres Kind erhält plötzlich eine mittlere Position. Damit es nicht zum Rivalisieren und zu Machtkämpfen kommt, braucht es die Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes. Dabei ist es günstig, wenn der leibliche Elternteil hauptsächlich die Verantwortung übernimmt und der Stiefelternteil diesen unterstützt. Das ist natürlich abhängig von den bestehenden Beziehungen, vom Alter der Kinder usw.

„Es gibt viele Konfliktpotentiale innerhalb von zweiten Familien“, so Mag. Savel-Damm. Die Beratung kann hier sehr gut unterstützen, um Kindern und Erwachsenen bei der Neuorientierung zu helfen, indem die oft unklaren und komplexen Strukturen sichtbar gemacht werden. Grundsätzlich gilt: Je kooperativer sich die leiblichen Eltern verhalten und je einfühlsamer sich Patchworkeltern auf den individuellen Gestaltungsprozess einlassen, umso besser finden sich die Kinder in dieser Situation zurecht. Dabei wirkt Paarberatung präventiv. „Bei einem guten Verlauf haben Kinder einen Zugewinn an Erfahrung in komplexen Beziehungssystemen und begegnen diesen Herausforderungen besser“, sagt die Expertin abschließend.