Zwei Punkte auf Landkarte verbunden mit Herzen

Fernbeziehungen

In unserer globalisierten Welt sind Fernbeziehungen zunehmend ein Normalzustand der Partnerschaft. Wie man damit umgeht, welche Vor- und Nachteile diese Form mit sich bringt und was es bedeutet, wenn aus einer Fernbeziehung (wieder) eine Alltagsbeziehung wird, darüber Renate Doppel, Beratungsstelle Ananas Gänserndorf.

Ist man verliebt, sieht man das Objekt seiner Gefühle quasi durch eine rosarote Brille. Lebt man miteinander, ändert sich diese Sichtweise mit der Zeit. Gibt es jedoch keinen Alltag als solchen für ein Paar, bleibt die Illusion und Vorstellung davon, wie toll der andere ist, länger aufrecht. Man ist verführt zu denken: „Wenn sie/er nur da wäre...wäre alles leichter, besser“. Gleichzeitig entwickelt man in einer Fernbeziehung eine höhere Autonomie und Selbstständigkeit. Man trifft Entscheidungen alleine, ohne den Partner in jedes kleinste Detail des Alltags einzuführen. Genau diese Unabhängigkeit kann zum Gedanken führen, dass man den Partner eigentlich nicht braucht. Schließlich kommt man allein mit allem zurecht. Andererseits tragen wir alle das Bedürfnis nach Versorgung in uns und sehnen uns nach jemandem, der uns das bieten kann. Ein anderer, nicht zu verharmlosender Aspekt einer Fernbeziehung ist der Mangel an physischer Nähe und seine Konsequenzen. Bevor man eine Fernbeziehung eingeht, sollte man sich also überlegen: Wie lange kann ich mich ohne körperliche Befriedigung abfinden? Manchmal bleibt das hormonelle Grundbedürfnis lange auf der Strecke. Hinzu kommt der finanzielle Aspekt: Getrennte Haushalte sind eine Kostenfrage. Wenn jeder der Partner eine Wohnung besitzt, kommt es meist teurer, als wenn sie zusammen leben würden. Fernbeziehungen sind oft als Notlösungen auf Zeit angesetzt. Man vereinbart, ein paar Monate getrennt zu leben mit der Perspektive, danach zusammen zu sein. In der Praxis zerbrechen viele solcher Partnerschaften bereits nach einigen Monaten Fernbeziehung. Denn nicht ausgelebte Konflikte können sich aufstauen und kommen geballt zum Vorschein, sobald man sich wieder sieht. Ein häufiger Streitpunkt ist der Umgang mit der gemeinsamen Zeit. Einer möchte die wiedergefundene Zweisamkeit genießen, während der andere es vorzieht, etwas mit Freunden zu unternehmen. Man könnte meinen, das sind typische Partnerschaftsprobleme, die genauso bei Alltagspaaren auftauchen. Und dennoch ist es anders. Denn die gemeinsame Zeit ist bei Paaren, die in einer Fernbeziehung leben, einfach sehr begrenzt. Man hat ständig den Eindruck, etwas nachholen zu müssen. Aus diesem Stress heraus ergeben sich dann die intensivsten Konflikte. Diese hat man oft rasch bewältigt (die Zeit ist zu knapp um zu streiten), um gleich wieder dem alten Muster der Idealisierung des Abwesenden zu verfallen.

Doch was passiert, wenn aus einer Fernbeziehung (wieder) eine Alltagsbeziehung wird? Auf jeden Fall ist es eine enorme Umstellung für die Partner und ihre Beziehung. Die Illusion, die man voneinander gehabt hat, wird auf einmal zerstört. Es kommen schlagartig viele Enttäuschungen zusammen: die aufgeklappte Klobrille und die offene Zahnpastatube sind bildhafte Beispiele. Man verliert an Autonomie, plötzlich kann Rechenschaft abzugeben sein, darüber wo man war, und warum man nicht früher nach Hause gekommen ist. Man verliert, und gleichzeitig gewinnt man auch etwas.