Familiengeheimnisse belasten

Familiengeheimnisse belasten

„Ein Familiengeheimnis ist wie ein jahrelang am Tisch herumsitzender weißer Elefant. Jeder sieht ihn - aber niemand spricht über ihn, ihn gar direkt anzusprechen, getraut sich schon gar niemand. Alle aber spüren die Last des Unausgesprochenen.“ Dies ist ein Zitat des Psychoanalytikers Dr. Klaus Bengesser.

In jeder Familie gibt es solche Geheimnisse und viele sind unproblematisch, manche aber haben eine Wirkung wie schleichendes Gift und besitzen hohes zerstörerisches Potential. Das kann sexueller Missbrauch sein, familiäre Gewalt, Inzest, aber auch die kriminelle Vergangenheit eines Familienmitglieds.

Mag. Sibylle Ihr-Gamperl, klinische Psychologin, psychoanalytische Psychotherapeutin von der Sexualberatungsstelle Salzburg erweitert: „Auch tabuisierte Themen wie psychiatrische Erkrankungen, Suchtkrankheit, Homosexualität, außereheliche Beziehungen oder Arbeitslosigkeit werden in Familien oftmals über lange Zeit „weggeschwiegen“. Doppelleben werden so, manchmal jahrelang aufrecht erhalten und zersetzen über die Jahre jegliches Vertrauen und die Beziehungsgrundlage. Würden diese Geheimnisse nicht aufgedeckt werden, können sie sogar über Generationen hinweg wirken und Schaden anrichten.

Meist seien es Scham und die Angst vor Auswirkungen, welche eine Thematisierung innerhalb der Familie nicht gleich zulassen. Ihr-Gamperl: „Man glaubt, die Klärung auf später verschieben zu können. Doch mit jedem Tag, der verstreicht, wird es schwerer über das zu reden, worüber man schon so lange geschwiegen hat.“ Aber das Totgeschwiegene bliebe lebendig und die Verleugnung dessen, bindet nicht nur psychische Kraft beim Geheimnisträger – auch die, die das Geheimnis ertragen müssen, verbrauchen sich daran.

Erste Opfer seien oft Kinder. Sie wachsen in einem Raum auf, in dem Wegschauen und Verschweigen als tragende Strategien des Zusammenlebens erlernt werden. In den Fällen, wo sie selbst der Gegenstand des Geheimnisses sind - man denke nur an die gar nicht so seltene und oft verschwiegene Kuckuckskind-Konstellation, ist sogar der eigene Lebensgrund unsicher! Die Beraterin weist auf mögliche Konsequenzen hin: „Selbst- oder Fremdaggression sind neben psychosomatischen Symptomen mögliche Folgen. Langwierige Diagnoseverfahren und Therapien bleiben solange ohne Erfolg, bis nicht auch das wirkende Agens eines Familiengeheimnisses in Betracht gezogen wird.“ Auch Beziehungspartner können laut Ihr-Gamperl unterschiedlichste psychische und körperliche Symptome entwickeln. Unter anderem werden Depressionen und Herz- Kreislauferkrankungen oft mit familiärem Dauerstress in Zusammenhang gebracht.

„Das wohl einzige Mittel, der destruktiven Kraft von Familiengeheimnissen und deren fatalen Auswirkungen entgegenzuwirken, ist und bleibt die Wahrheit. Mut zur Wahrheit ist immer auch eine Zumutung – für sich, aber auch für seine Familie. Erst durch die Wahrheit werden wir für unsere Bezugspersonen greifbar, allerdings  auch angreifbar …“, so die Expertin. „Wer eigene Verletzungen lebenslang abwehrt bzw. keinen passenden Weg zur sicheren Verarbeitung findet, lässt weiterhin zu, dass Macht über ihn ausgeübt wird – war es vorher das Geheimnis, ist es jetzt die Macht der Wut über die jahrelange Lüge.“

Wer lange mit einem Familiengeheimnis zu kämpfen hat und alleine keine Lösung oder Auflösungsmöglichkeit sieht, kann sich an eine der zahlreichen Familienberatungsstellen wenden. Dort hat man ein offenes Ohr und es werden Möglichkeiten dargelegt, die hilfreich sein können.