junge Frau legt Arm über Schulter alter Dame

Durch Erkrankung vereinsamt

Eine schwerwiegende Erkrankung wie eine Demenz ist nicht nur für den Betroffenen selbst unangenehm. Auch für Angehörige ist es oft nicht einfach mit der Veränderung dieser nahestehenden Person umzugehen.

Rund dreiviertel der Hochbetagten wohnen in unserer immer älter werdenden Gesellschaft noch zu Hause. Gepflegt werden diese zu einem Großteil von den eigenen Angehörigen. Im Umgang mit oftmals altersbedingten Erkrankungen gelten drei Säulen, so Dr. Wolfram Stix* vom Zentrum für integrative Psychosomatik und Psychotherapie: Information, Mitgefühl/Verständnis und Veränderung/Verbesserung. „Information ist für Betroffene und Angehörige gleichermaßen wichtig. Wie ist der Krankheitsverlauf? Welche Auswirkungen hat dieser auf die Person? Was ist zu erwarten? Welche Hilfsangebote gibt es? Welches psychosoziale Netz ist vorhanden? – All dies sind Fragen, die helfen, dass das, was passiert, besser zu verstehen. Denn sonst kommt es leicht zu Überforderung.“ Für das Selbstwertgefühl der betroffenen Personen selbst ist es besonders wichtig, dass die Autonomie so lange wie möglich erhalten bleibt. Umso sensibler daher die Frage: Wie hilft man dem Kranken richtig? Besonders kritisch ist die Situation, wenn in einer Partnerschaft ein Pflegefall auftritt. Hier besteht eine große Gefahr des Burnouts, das zu körperlicher Erschöpfung und sozialem Rückzug führen kann. Stix rät: „in der Beratung Hilfe in Anspruch zu nehmen. In einer engen Verbindung begleitet der Berater den Angehörigen durch diese Zeit.“ Was oft nicht einfach fällt: obwohl sich Erkrankte in ihrem Verhalten verändern, ist es wichtig ihnen wertschätzend und anerkennend zu begegnen. Wertschätzung – die gebührt auch den Angehörigen, die Verantwortung und die Last oft alleine zu tragen haben. Denn meist wird in erster Linie nur an die Psychohygiene der Betroffenen selbst gedacht. Stix: „Angehörige sollten eine geeignete Balance zwischen der eigenen Familie und der zu pflegenden Person finden.“

„Vor allem dann, wenn sich die Psyche eines Menschen stark verändert ist die 2. Säule des Mitgefühl/Verständins relevant.“, so Stix. Wenn von der erkrankten Person zB zunehmende Bösartigkeit oder für Angehörige unbegründete Beschuldigungen kommen ist es wichtig darüber Bescheid zu wissen, dass es Teil des Krankheitsprozesses ist. Oft erleben Betroffene dabei vergangene Situationen wieder, die mit der Gegenwart in keinerlei Zusammenhang stehen.

„Im Zuge der 3. Säule, Veränderung/Verbesserung, versuchen wir in der Beratung gemeinsam mit Angehörigen mögliche Lösungswege zu erarbeiten. Bei Angehörigen kann das Gefühl aufkommen, dass ihnen der/die Erkrankte lästig wird.“, so Stix. Dann sollte überlegt werden, wie Betroffene aktiviert werden können, was ihnen Spaß macht und wie man Kontakt herstellen kann in dem man zB gemeinsam ein Fotoalbum ansieht oder singt. Dabei sollte die Haltung „ich möchte in Kontakt treten“ anstelle „ich möchte es schnell erledigen“ treten. Denn wenn der Kontakt zu Angehörigen abbricht, droht den Betroffenen Vereinsamung. Sie haben das Gefühl, dass sie überflüssig sind und das beschleunigt den Prozess des Verfalls.

Wenn Menschen sich auf einmal auffällig verhalten, kommt es bei Angehörigen oft zum Rückzug. Erkrankte merken das und ziehen sich auch zunehmend zurück . Um diesem Prozess der Vereinsamung entgegenzuwirken ist es wichtig sich von Beginn an mit der Diagnose auseinander zu setzen. „Hier kommt dem Hausarzt eine bedeutsame Rolle zu.“, hat Dr. Stix erfahren, „Auch Trauerarbeit ist gleich von Beginn an notwendig.“

*Dr. Wolfram Stix ist Arzt, Psychotherapeut und Supervisor. In seiner Tätigkeit als Psychotherapeut beschäftigt er sich hauptsächlich mit Betroffenen selbst. Durch seine Einsätze im Ärztenotdienst wurde er oft mit den Folgen der Vereinsamung von Personen konfrontiert, die mehr Unterstützung bräuchten.