alte hände halten einander

Dem Tod entgegenleben

Sich auf den bevorstehenden Tod vorzubereiten fällt nicht nur Betroffenen, sondern auch Angehörigen schwer. Offenheit und Ehrlichkeit zählen in dieser Zeit besonders.

Wenn Angehörige sich um Pflegebedürftige kümmern, kommt es oft sehr früh zu Überforderung. Vor allem wenn der Betroffene Stück für Stück die Selbstständigkeit verliert, können sich Aufgaben mehren, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Abgesehen davon ist der drohende Abschied eine starke psychische Belastung. In dieser Situation kann die Beratung durch eine der zahlreichen Beratungsstellen Entlastung und Stütze sein.

„Wir sind sehr dankbar, wenn sich Betroffene und Angehörige frühzeitig an uns wenden. Im Gespräch stellt sich oft heraus, dass einzelne Aufgaben auch abgegeben werden können. Angehörige bleiben trotzdem die Hauptbezugsperson.“, erzählt Ulrich Treipl, dipl. Gesundheits- und Krankenpfleger bei der Caritas Socialis. Oft sind es Informationsdefizite, die Konflikte oder Ängste auslösen. „Ein ganz typisches Beispiel ist die Ernährung.“, erklärt Treipl. Denn gerade Krebspatienten verlieren oft den Appetit und haben kein großes Bedürfnis nach Essen. Angehörige haben Angst, dass der/die Patient/in verhungert und drängen sie zu essen. Patienten hingegen vertragen es oft nicht und essen dem Verwandten zu liebe. Treipl erklärt, was viele nicht wissen: „Auch der Krebs konsumiert und zieht sich die Energie aus dem Essen. Es ist also nicht ratsam jemanden mit aller Gewalt zum Essen zu bringen.“

In dieser sensiblen Zeit muss umgedacht werden. Es gilt plötzlich nicht mehr das, was bisher allgemeinmedizinischer Maßstab war. Vielmehr geht es darum, das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten und Wohlbefinden zu ermöglichen. „Bei uns sterben Menschen nicht, sie leben bis zuletzt.“, zitiert Treipl einen Leitsatz der Palliativstation der Caritas Socialis. Denn Betroffene haben meist nicht vor dem Tod selbst, sondern vor möglichen Schmerzen Angst. Genau dies ist die Lebensqualität, die bis zum Ende erhalten bleiben soll.

„Oft realisieren Betroffene im ersten Schockmoment gar nicht, was der Arzt/die Ärztin ihnen sagt.“ beschreibt Treipl. Angehörige sollten daher beharrlich sein und nachfragen, bis sie alles verstanden haben, sich Notizen machen und bei Oberarzt oder Professor umfassende Auskunft einholen. Patienten gehen mit Diagnosen ganz unterschiedlich um. Manche wollen es nicht wahrhaben und zögern den Arztbesuch so weit wie möglich hinaus. Andere verdrängen die Tatsache gänzlich. Treipl erklärt, dass Verdrängung nichts Negatives sein muss: „Denn sie hilft, Tatsachen auf die Seite zu schieben, die einen im Moment erschlagen würden. Eine Auseinandersetzung damit ist auch später möglich.“ Wieder andere haben sehr starke Hoffnung, die stetig wächst. Hoffnung ist eine wichtige Lebensressource und schafft Perspektiven. Wer resigniert beschleunigt den Prozess des Sterbens.

Doch wie steht es um Angehörige? Sie sollten authentisch bleiben und ausdrücken wie es ihnen geht. Gefühle zu verbergen, nur weil man den Betroffenen nicht belasten möchte, führt zu nichts. Liebe hält viel aus und kann daran sogar noch wachsen. Treipl: „Außerdem liegen lachen und weinen gar nicht so weit auseinander. Eine unheilbare Krebs-Diagnose zum Beispiel ist nur eine Wahrheit. Das Leben hat so viel mehr Aspekte, die es lebenswert machen.“

Werte wie Versöhnung, Ehrlichkeit und Offenheit, die schon während des ganzen Lebens wichtig sind, spielen in der Phase des Sterbens eine noch viel bedeutsamere Rolle. Wenn der Körper immer schwächer wird, sollten Angehörige den sterbenden Menschen vor allem geistig/spirituell stärken und ihm gleichzeitig mit Respekt begegnen (was will er/sie, was nicht?)

Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, das könnte schon passieren, bevor es ein ernsthaftes Thema wird. Denn wenn Verwandte und Freunde wissen, wie man sich den eigenen Tod vorstellt, werden ihnen schwierige Entscheidungen, die sie vielleicht später treffen müssen, erleichtert oder sogar abgenommen.