altes Familienfoto: Ehepaar mit Schwiegermutter und Baby

Das Problem mit den Schwiegereltern

Partnerschaft bedeutet auch ein Stück weit die Familie des anderen anzunehmen. Manchmal entsteht das Gefühl, dass die Familie, vor allem die Mutter, einen dominanten Einfluss ausübt.

„Mütter nehmen im Allgemeinen ihre Söhne eher als autonome Persönlichkeiten wahr als ihre Töchter. Während die Söhne sich ihrerseits bereits früh von der Mutter verschieden erleben und dies auch in abgrenzenden Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen, existiert dessen ungeachtet der Versorgungsanspruch ihr gegenüber oft bis ins Erwachsenenalter weiter. Töchter wiederum bleiben in ihrer Identitätsentwicklung meist stärker, bewusst oder unbewusst, an die Mutter gebunden, was oftmals mit einer zeitlebens bestehenden inneren Verpflichtung einhergeht.“, erklärt Dorothea Gratzl, Psychologin bei der Frauen- und Familienberatungsstelle Gänserndorf.

Trotz stärkerer Autonomie wägen Männer ab, wer diesem Versorgungsanspruch besser nachkommt – Mutter oder Partnerin? Sie vergleichen dabei meist unbewusst deren Leistungen. Oft fällt es ihnen schwer hier eindeutig Stellung zu beziehen bzw. wollen sie auf nichts verzichten.

Aber nicht nur Mütter allein, sondern die ganzen Familien der Partner prägen das Zusammenleben. „Hier kann es sehr unterschiedliche Werte geben, die Partner in die Beziehung hineinnehmen und zu Konflikten führen können.“, so Gratzl. z.B. kann die Weitergabe der Tradition in bäuerlicheren Strukturen für die Familien sehr bedeutsam sein. Da in diesen keine wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen bestand, war es deren Aufgabe für die Weitergabe und Einhaltung dieser Werte, auch bei den Schwiegerkindern, zu sorgen. Generationsbedingt hat sich an diesen Wertvorstellungen einiges geändert – weg vom traditionellen Frauenbild in der Aufgabenteilung zu mehr Partnerschaftlichkeit. 

Andererseits kann es auch sehr unterschiedliche Vorstellungen zwischen den Familien in Bezug auf die Intensität der Versorgung geben. Was für manche nach Vernachlässigung aussieht, ist für andere ganz natürlich. Enge Beziehungsstrukturen hingegen können als Einengung oder als Geborgenheit interpretiert werden. Gratzl folgt daraus: „Jeder hat in seinem Kopf die Quelle seiner Herkunft und wenn es hier Unstimmigkeiten gegenüber dem Partner gibt, können Konflikte entstehen. Probleme treten innerhalb der Partnerschaft, aber auch im Umgang mit den Schwiegereltern auf.“

Damit Partner lernen können, mit den Unterschieden in den Herkunftsfamilien umzugehen, ist es sinnvoll ein gemeinsames Konzept zu schaffen, das die Basis des Zusammenlebens und der Alltagsbewältigung bildet. Bei jungen Paaren kommt es speziell zu Beginn des „Abnabelungsprozesses“ oft zu Orientierungslosigkeit. Meist steht der Wille im Vordergrund, alles besser als die eigenen Eltern zu machen. Hier gibt es eine verzerrte Selbsteinschätzung. Das eigene Konzept sollte also noch reifen. Streben nach einem eigenen Lebenskonzept bedeutet an sich zu arbeiten, allerdings nicht, seine Herkunft aufgeben zu müssen.

Gratzl regt Paare an zu hinterfragen: „Was kommt von der Familie? Was belastet mich? Was passt für mich? Was habe ich für Wünsche?“ 

Aber auch wenn zunächst nur ein Partner in die Beratung kommt, so kann durch den Entwurf von Szenarien die Bedeutung von Personen definiert und die eigene Position eruiert werden. Je nach Bedarf ist es möglich, später weitere Personen in die Beratung  mit einzubeziehen.

Eine Position zu beziehen ist wichtig – doch wie treten Paare mit ihrem gemeinsamen Konzept gegenüber den Familien auf? Gratzl rät: „zu analysieren, wo es Gemeinsamkeiten gibt und wie man sich zu den Eltern/Schwiegereltern relativieren kann. Wie kann man Unterstützung akzeptieren ohne Angst davor zu haben, dass sich Eltern zu sehr einmischen?“ Auch wenn die Einstellungen nicht immer deckungsgleich sind, möchte man nicht auf den Kontakt zur Familie verzichten. Hier sind Kompromissbereitschaft und Anerkennung gefragt.