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Mann im Profil lässt den Kopf hängen. Sein Kopf raucht wortwörtlich, und an seinem Rücken sieht man eine Aufzieh-Schraube.

Burnout – Modekrankheit unserer Zeit?

Burnout ist heute in aller Munde. Für die einen ist es ein Zeichen (das Ergebnis) besonderen Engagements, für die anderen von Schwäche... dann wird verschämt darüber geschwiegen. „Es ist tatsächlich ein schwer zu fassendes Phänomen und die Flut von Veröffentlichungen ist unüberschaubar“, erklärt Mag Hildegard Schreckeis-Nägele. Sie ist Psychotherapeutin, Lehrerin und Beraterin in der Partner- und Familienberatungsstelle der Erzdiözese Salzburg und weiß: „Burnout ist zum Symbol unserer Hochleistungsgesellschaft geworden, die alle mitreißt und überfordert: In der modernen Arbeitswelt müssen wir mobil und erreichbar sein. Das stresst, denn diese Erwartungen können wir nicht immer erfüllen. Das Auto kann mal im Stau stehen oder der Zug verspätet sich. Der Handy-Akku wird mal leer und die Email-Box voll. Der Puls der Zeit schlägt intensiv, wir haben keine Zeit und leben weniger bewusst. Das trägt dazu bei, dass wir uns wie ‚im Hamsterrad’ fühlen.“

Wie man mit dieser Belastung umgeht, hängt von den persönlichen Voraussetzungen ab. Die Kernfrage ist: Wann wird Anstrengung zur Überanstrengung, wann Anforderung zur Überforderung? „Lange funktionieren die Menschen ja nach außen, erleben sich nur subjektiv in der Leistung reduziert. Das wiederum wird mit übermäßiger Leistung kompensiert“, so die Beraterin. „Es ist kein akuter Zustand, sondern ein schleichender Prozess, bei dem sich psychische und körperliche Symptome verstärken: Verstärkter Arbeitseinsatz, das Vernachlässigen von Bedürfnissen, Verdrängen von Konflikten, häufiges Ausgelaugtsein, Verlust von Freude, verändertes Verhalten, sozialer Rückzug, sich selbst fremd werden, innere Leere, alles in Frage stellen, Entscheidungen hinausschieben, vermehrter Gebrauch von Suchtmitteln, Nervosität, Schlaflosigkeit, Verspannungen, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, Herz-Kreislaufprobleme,...“

Burnout ist von der WHO als Diagnose nicht anerkannt. Im medizinischen Bereich werden „Ausweichdiagnosen“ gestellt. Es gibt zudem viele Fragebögen, die wenn sie „selbstgestrickt“ sind, mit Vorsicht zu genießen sind. „Körperliche Symptome müssen medizinisch abgeklärt und andere Erkrankungen ausgeschlossen werden“, erklärt Mag Hildegard Schreckeis-Nägele. „Es gibt keine Medikamente gegen Burnout, nur gegen die Symptome, die gelindert werden können. Psychotherapie, Beratung und Supervision können helfen, Muster zu erkennen und aus diesen auszusteigen. Im Gespräch und mit konkreten Übungen können neue Überzeugungen wachsen, sodass eine Veränderung von Lebensstil und Gewohnheiten mehr Freiheit und Lebensqualität bringen kann. Achtsamkeit für sich selbst, bewusste Rituale des Abschaltens sowie Freizeittermine und soziale Beziehungen sind ebenso wichtig wie genügend Schlaf und gesunde Ernährung. Oft ist die Diagnose ‚Burnout’ der Endpunkt eines langen Prozesses. Dann ist es klar: Punkt. Aus. Zeit“, so die Expertin abschließend. „Um es nicht so weit kommen zu lassen, gilt: über Schwierigkeiten sprechen und sich nicht verschließen, eigene (Erholungs-)Bedürfnisse ernst nehmen und die Lebensbalance nicht aus den Augen verlieren.“