Eltern schimpfen, Tochter genervt

Balanceakt Erziehung

Immer wieder kommt es in Erziehungsfragen zu neuen Erkenntnissen, die lockerere oder strengere Methoden propagieren. Erziehungsstile verändern sich genauso wie ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Laissez-faire oder autoritär, das sind nur zwei der vielen Ansätze. Was ist derzeit state of the art? Und was raten Experten in Erziehungsfragen?

Es gibt keinen universellen, modernen Erziehungsstil. Erziehung ist abhängig von der Familiensituation und vielen anderen Einflussfaktoren: sind die Eltern in einer Partnerschaft oder getrennt, welche Bedeutung spielt eine Tagesbetreuung oder andere Familienmitglieder, zB Großeltern? „Eltern sind von ihrer eigenen Vergangenheit geprägt. Auch ihnen wurden Werte, Normen und Verhaltensweisen vermittelt. Sie möchten diese entweder an ihre Kinder weitergeben oder, aufgrund von negativen Erfahrungen, ihnen diese ersparen.“, erklärt Mag.a Dr.in Angela Kröpfl, Erziehungswissenschaftlerin, Sonder- und Heilpädagogin bei der Frauen- und Familienberatungsstelle „Der Lichtblick“. So oder so – Eltern sollten einen Mittelweg aus notwendiger Strenge und emotionaler Wärme gehen. Denn das Kind muss einerseits über Normen und Prinzipien Bescheid wissen, um dadurch Rahmenbedingungen für Handlungen und Verhaltensweisen zu haben. Andererseits brauchen Kinder ausreichend Freiraum um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln zu können. So lernen sie selbstständig zu werden und sich selbst zu verwirklichen. Eine zu strenge Erziehung kann also zu Schuldgefühlen, Ängsten und Hemmungen bei Kindern führen. Umgekehrt lernen Kinder, deren Erziehung vernachlässigt wird beispielsweise nicht rechtzeitig, welche Konsequenzen sich aus Verhaltensweisen ergeben.

„Natürlich sollten sich Eltern bei der Familiengründung über den generellen ‚Fahrplan’ einig sein.“, rät Kröpfl. Doch die Rollenverteilung ist nicht immer gleichwertig. „Es ist in Ordnung, wenn die Mutter beispielsweise bei den Hausaufgaben streng ist. Dafür nimmt der Vater in anderen Situationen, zum Beispiel wenn es um gutes Benehmen geht, die strengere Rolle ein. Dadurch wird nicht ein Elternteil zum ‚Netten’ und einer zum ‚Bösen’, sie stehen lediglich für unterschiedliche Werte.“, so Kröpfl. Nach einer Trennung sieht jedoch meist alles ein wenig anders aus. Abgesehen davon, dass diese Zeit stark emotional ist, wird auch die Erziehungssituation unübersichtlicher. „Für das Kind ist dann meist der Elternteil, bei dem das Wochenende verbracht wird, eher mit Spaß verbunden, hingegen der andere Elternteil zum Beispiel in Bezug auf Hausaufgaben und andere Aktivitäten während der Woche für Disziplin sorgen muss.“ Dadurch prallen unterschiedliche Regeln und Wertesysteme auf einander. „Halten sich diese Differenzen in einem gewissen Rahmen, so lernen die Kinder damit umzugehen: beim Papa darf ich das eine, bei der Mama darf ich etwas anderes. Bemerkt ein Elternteil etwas in der Erziehung, womit er überhaupt nicht einverstanden ist, so sollte das gemeinsame Gespräch gesucht und die Lösung konsequent durchgezogen werden. Machtkonflikte dürfen jedenfalls nicht über Kinder ausgetragen werden. „Eltern sollten einen Grundkonsens in ihren Erziehungskonzepten haben und keinen Konkurrenzkampf um die Gunst der Kinder führen. Sie aus Schuldgefühlen mit übertriebener Nähe oder materiellen Dingen zu überhäufen oder sie in Loyalitätskonflikte zu bringen ist auch der falsche Weg.“, so Kröpfl.

Regeln aufzustellen ist notwendig – wie sollte man jedoch reagieren, wenn das Kind/der Jugendliche diese nicht befolgt? „Langfristige Konsequenzen wie Fernsehverbot für das nächste Monat sind auf Dauer kaum umsetzbar und nicht zielführend.“, so Kröpfl, „Besser sind kurzfristige Interventionen, zum Beispiel ein Ausgehverbot am nächsten Wochenende, wenn er/sie zu spät nach Hause gekommen ist. Eltern sollten aber auch mit ihren Kindern darüber reden und hinterfragen, warum Regeln nicht eingehalten worden sind.“ Gerade in der Pubertät gestaltet sich die Eltern-Kind-Beziehung meist schwierig. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird die bisherige Erziehung auf den Prüfstand gestellt. Optimaler Weise herrscht bereits eine gegenseitige Vertrauensbasis. Eltern wissen, was sie ihrem Kind zutrauen können. Falls dieser gemeinsame Grundstein fehlt, so ist es dennoch für das Kind wichtig in dieser schwierigen Phase eine andere Ansprechperson zu haben, bei der es sich verstanden fühlt.

Grundsätzlich sind Erziehungsfragen also von Familie zu Familie unterschiedlich. Beratungsstellen können in heiklen Situationen helfen den richtigen Weg zu finden. Für Kinder sind emotionaler Rückhalt und ein gewisses Regel- und Wertesystem zur Orientierung am Wichtigsten.