Vater mit Mädchen und Bub am Computer

Neuer Bruder/Schwester? Wie fühlen sich leibliche Kinder?

Mit der Geburt eines Kindes ändert sich schlagartig die ganze Struktur der Familie. Wenn es sich um ein Pflegekind handelt, das in die Familie aufgenommen wird, sind die Veränderungen noch um einiges extremer. Es gilt ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der leiblichen Familienmitglieder und den Pflegekindern zu schaffen, das sicher stellt, dass alle "auf ihre Rechnung" kommen, sagt Dr. Friedrich Ebensperger, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut und Geschäftsführer vom Pflegeelternverein Steiermark.

Vor allem sollte die Entscheidung, ob man ein Pflegekind annehmen will, von der Familie als Gemeinschaft getroffen werden. Das heißt also,  die Kinder sollten genauso Mitspracherecht genießen wie die Erwachsenen. Deshalb sollte das Thema Pflegekind ausführlich behandelt werden, samt Beantwortung  aller Fragen, die sich den Kindern stellen. Aus den Erfahrungen mit Pflegefamilien geht hervor, dass leibliche Kinder das Pflegekind als ein mögliches Geschwisterchen zunächst als spannend und bereichernd empfinden. Wenn aber eine grundsätzliche Ablehnung geäußert wird, sollte man die Ursache für diese Haltung erforschen. Oftmals können mögliche Befürchtungen oder Ängste nämlich schon allein dadurch, dass man sie thematisiert, aus der Welt geschaffen werden.

Ist das Pflegekind einmal aufgenommen, ist es vollkommen natürlich, dass Konflikte und Geschwisterrivalitäten auftreten, auch wenn das leibliche Kind sich anfangs für die Aufnahme ausgesprochen hat. Jedes Kind will sich nunmal behaupten und seinen Rang in der Familie erkämpfen. Leibliche Kinder sehen sich in ihrer Beziehung zu den Eltern gefährdet, Eifersucht kann eine große Rolle spielen. Als Erwachsener sollte man dafür Verständnis haben, denn alle Gefühle der Kinder sind erlaubt und ernst zu nehmen.

Gleichzeitig ist es wichtig Regeln einzuführen. Diese müssen natürlich fair sein, aber sie dürfen sich von Kind zu Kind durchaus unterscheiden. Es wundert schließlich niemanden, dass ältere Kinder z.B. länger aufbleiben dürfen als ihre jüngeren Geschwister. Pflegekinder sind nochmal ein Spezialfall, der besondere Maßnahmen rechtfertigt. Denn oft sind Kinder die aufgrund ihrer Vorgeschichte und der erfolgten Trennung nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen können, verstört und verunsichert. Dies kann sich in außerordentlich schwierigem oder eigenartigem Verhalten ausdrücken. Aber gerade deshalb brauchen sie mehr Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Kinder mit einem verletzten "Urvertrauen" verlassen sich oft nicht so leicht auf Erwachsene. Daraus entsteht die Notwendigkeit für Pflegeeltern, mit diesen Kindern anders umzugehen. Wenn die leiblichen Kinder das verstehen und akzeptieren, ist es eine Leistung, die man auch demenstprechend anerkennen sollte. Dadurch fühlen sich die leiblichen Kinder nämlich eingebunden und nützlich. Das hilft ihnen die Liebe und Anerkennung der Eltern durch die Bedürftigkeit der Pflegegeschwister nicht bedroht zu sehen.